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Der Blick des Lehrers glitt die gläserne Zentrale hinauf: „Verantwortliche Pädagogik muss die Jugendlichen auf das vorbereiten, was die Wirtschaft will.“

„Sollte man die Jugendlichen nicht auf das vorbereiten, was sie selbst wollen?“, fragte Herr Kah.

„Sie müssen ja ihren Platz finden“, sagte der Lehrer.

„Aber wer ist das, der seinen Platz in einem fremden Willen hat?“, fragte Herr Kah.

(Berlin, 26. August 2011)

Nachdem Herr Kah sich zum Konservatismus geäußert hatte, sagte er über den Liberalismus: „Nichts bräuchte Deutschland dringender als eine Partei der Freiheit. Die sich hierzulande aber Liberale nennen verengen Freiheit plump auf Wirtschaftsfreiheit, und auch das nur vordergründig. Denn hinter dem Festtagsgerede von der freien Marktwirtschaft verbirgt sich die Realität der Wirtschaftsoligarchien, welche längst ihren Sozialismus der Banken und Konzerne installiert haben. Die deutsche Partei der Freiheit ist in Wirklichkeit ein ebenso jämmerliches wie effektives Werkzeug der Totengräber der Freiheit.“ Herr Kah betrachtete sein Wasserglas und trank einen Schluck. „Wasser“, sagte er dann, „ist klar. Aber die Freiheit muss man in Deutschland erst liberalisieren.“

(Berlin, 19. August 2011)

Herr Kah, das letzte lebende Universalgenie, war auch ein anerkannter Finanzexperte. So fanden sich einmal die 100 Lenker der größten Banken der Welt bei ihm zusammen, denn sie hatten gewichtige Probleme.

Herr Kah, der keine Lust verspürte, für sie zu kochen, bestellte Pizzen beim Pizzaservice. Aber noch bevor die Pizzen geliefert wurden, begannen die Banker, ihre Fragen zu stellen. Sie hatten es eilig.

Zuerst fragte ein europäischer Banker: „Herr Kah, wie sollen wir der Eurokrise begegnen?“

Herr Kah sagte: „Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren.“

Dann fragte ein amerikanischer Banker: „Herr Kah, wie sollen wir der Dollarkrise begegnen?“

Herr Kah sagte: „37.000 Menschen verhungern jeden Tag.“

Danach stellten die Bankenlenker keine weiteren Fragen mehr, bedankten sich höflich und ließen sich von ihren Chauffeuren zum Flughafen fahren.

Als Herr Kah schon wieder alleine war, klingelte der Pizzaservice und lieferte 101 Pizzen.

(Berlin, 29. Juli 2011)

Nachdem sie ihn höflich um einen Beratungstermin gebeten hatten, fanden sich die europäischen Finanzminister im Haus von Herrn Kah ein.

Während Herr Kah Leitungswasser und Schnittchen reichte, sagte der italienische Finanzminister: „Herr Kah, Sie wissen, dass die drei großen Ratingagenturen es auf den Euro abgesehen haben und gerade dabei sind, Italien zu attackieren. Sollen wir, um uns zu verteidigen, eine europäische Ratingagentur gründen?“

Herr Kah sagte: „Der Angegriffene muss schlauer sein als der Angreifer. Sie sollten eine Ratingagentur zur Bewertung von Ratingagenturen gründen. Im modernen Kapitalismus gewinnt man nicht, indem man konkurriert, sondern indem man eine neue Metaebene eröffnet.“

Die Europäische Union überwies Herrn Kah für seine Beratung 20 Millionen Euro.

(Berlin, 11. Juli 2011)