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Alle Geschichten vom Herrn Kah sind wahr – oder doch fast. Aber nicht alle Geschichten sind wirklich vorgefallen. Diese Geschichte ist wahr und wirklich vorgefallen.

Herr Kah ging in der Straße spazieren und sah zwei Handwerker, die dabei waren, Werkzeug und Material in ihrem Wagen zu verstauen.

Der eine Handwerker sagte: „Ich habe ja nicht einmal mehr Lust zu leben.“

Der andere Handwerker sagte: „Das Leben kann ja auch nichts dafür, dass die Welt so scheiße ist.“

„Dieser Handwerker“, äußerte Herr Kah später, „hat Philosophie. Ob er Recht hat, vermag ich für ihn nicht zu beurteilen.“

(Berlin, 12. Oktober 2011)

Herr Kah hatte es sich auf einer Parkbank bequem gemacht und las in Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’.

Als er gerade bei der transzendentalen Ästhetik ankam, sprach ihn ein sorgenvoll dreinblickender junger Mann an: „Herr Kah, vielleicht können Sie mir helfen. Ich habe die Bibel studiert, Platon und auch Kant. Ich lese sogar die Flugblätter von Attac. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich immer noch nicht, wie man die Welt verbessern soll.“

„Sehen Sie die Currywurstbude dort?“ Der junge Mann nickte. „Dann kaufen Sie mir eine Pommes rot-weiß.“

(Berlin, 26. Juni 2011)

Eines Tages öffnete Herr Kah, wie er es zuvor schon tausend Mal getan hatte, die Tür und trat in die Welt.

Mit jedem Schritt aber, den Herr Kah voran tat, wich die Welt plötzlich zwei Schritte zurück. Je angestrengter Herr Kah die Welt einzuholen suchte, je mehr wuchs die Distanz zwischen ihnen.

Da sagte die Welt: „Herr Kah, willst Du sterben?“

Herr Kah blieb stehen und überlegte. Dann tat er einen Schritt zurück. Und noch einen. Und noch einen. Mit jedem Schritt aber, den Herr Kah zurückwich, tat die Welt zwei Schritte voran. Und so schmolz die Distanz zwischen ihnen langsam dahin.

Als Herr Kah die Welt endlich berührte, merkte er, dass er ein kleiner Junge geworden war. Doch die Welt lag Herrn Kah nun zu Füßen, und er ging, wohin er lustig war. Und wie er so ging, wurde er rasch wieder erwachsen.

Als Herr Kah zurück nach Hause kam, setzte er sich in seinen Lesesessel, schloss die Augen und dachte: „Es passieren seltsame Dinge.“

(Berlin, 14. September 2011)

„Die Welt ist im Kopf“, sagte ein Denker Herrn Kah.

„Ja“, sagte Herr Kah, „aber der Kopf ist in der Welt.“

(Berlin, 27. August 2011)