Posts Tagged ‘Unglück’

Herr Kah, der fand, dass es besser sei, das Labyrinth der Seele zu betreten, als sich zu langweilen, bemerkte im Volkspark Friedrichshain eine Frau, die so bedrückt wirkte, wie sie schön war.

„Sie sehen unglücklich aus“, sagte Herr Kah.

„Ach, wissen Sie, Herr Kah, der Stress“, sagte die Frau.

„Hier im Park?“, fragte Herr Kah.

„Nein, nicht im Volkspark Friedrichshain.“ Die Frau lachte. „Aber ab morgen habe ich wieder meinen Zehnstundentag, und abends muss ich für mein Fernstudium lernen.“

„Machen Sie Ihr Fernstudium aus beruflichen Gründen?“, fragte Herr Kah.

„Nicht direkt“, sagte die Frau.

„Aus Spaß machen Sie es vermutlich auch nicht“, sagte Herr Kah. „Sonst würde es sie wohl nicht stressen.“

„Eher für den Lebenslauf“, sagte die Frau, die nun schon weniger bedrückt wirkte, aber immer noch sehr schön war.

„Für den Lebenslauf?“, fragte Herr Kah.

„Um meine Persönlichkeit zu entwickeln“, sagte die Frau.

„Warum wollen Sie denn Ihre Persönlichkeit entwickeln?“, fragte Herr Kah.

„Um mithalten zu können“, sagte die Frau nach einer Weile.

„Und warum wollen Sie mithalten können?“, fragte Herr Kah.

Diese Frage hatte die Frau noch weniger erwartet als die vorige. Endlich antwortete sie: „Um dazuzugehören.“

Herr Kah sagte: „Sie sind also unglücklich, weil Sie sich eine Menge Stress für Ihren Lebenslauf aufladen. Den Lebenslaufstress tun Sie sich an, um Ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Ihre Persönlichkeit möchten Sie entwickeln, um mithalten zu können. Mithalten können aber möchten Sie, um dazuzugehören.“

„So kann man es zusammenfassen“, sagte die Frau.

„Nun meine Frage“, sagte Herr Kah. „Warum wollen sie dazugehören, wenn es Sie unglücklich macht?“

Die Frau antwortete nicht.

„Vielleicht wollen Sie mich auf einen Kaffee begleiten?“, fragte schließlich Herr Kah.

„Aber Herr Kah“, sagte die Frau, „Sie sind immerhin Herr Kah! Der Gedanke, mit Ihnen einen Kaffee trinken zu gehen, stresst mich über die Maßen.“

„Es wäre aber sicher gut für Ihre Persönlichkeitsentwicklung“, sagte Herr Kah und mischte seinem Lächeln ein Gran Dreistigkeit bei.

(Berlin, 4. September 2011)

Ein Mann kam zu Herrn Kah und präsentierte ihm eindringlich Argumente dafür, dass es im Leben nicht auf das Glück ankomme, sondern darauf, seine Pflicht zu tun.

„Haben Sie nur Acht“, sagte Herr Kah, „dass Sie, wenn Sie Ihre Pflicht tun, nicht die Pflicht eines anderen tun.“

(Berlin, 29. August 2011)

Eine Frau kam zu Herrn Kah und wollte seinen Rat, denn sie war unglücklich.

Sie sagte: „Mein Problem ist…“ Und sie redete und redete und redete… Schließlich fragte sie: „Was soll ich tun, Herr Kah?“

„Für Sie gibt es nichts zu tun“, sagte Herr Kah.

„Es gibt keine Lösung für mein Problem?“, fragte die Frau.

„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete Herr Kah.

(Berlin, 10. Juli 2011)