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Herr Kah hegte einmal den Wunsch, sich in einer Sache beraten zu lassen. Selbstverständlich benötigte er die Beratung nicht wirklich, denn Herr Kah gehörte, wie alle wissen, zu den wenigen Menschen, die es vorzogen, sich selbst zu beraten. Aber es war eben doch sein Wunsch, sich einmal in jener Sache beraten zu lassen.

Da auch seine Mitbürger wussten, dass Herr Kah ein störrischer und kluger Eigenberater war, wagten es in ganz Deutschland nur zwei Männer, Herrn Kah ihre Dienste überhaupt anzubieten. Man kann sich also vorstellen, wie die gesamte Republik gebannt verfolgte, welchen Berater Herr Kah wohl erwählen würde.

Allein, im Grunde schien die Wahl bereits getroffen. Denn der erste Mann hatte in der Sache, um die es Herrn Kah zu tun war, ein Studium vorzuweisen, eine brillante Doktorarbeit, praktische Zusatzqualifikationen und äußerst erlesene Referenzen. Der zweite Mann hatte gar nichts vorzuweisen. Da er aber so mutig gewesen war, sich für die Beratung zu bewerben, wollte Herr Kah auch ihn zumindest empfangen.

Es kam, wie es kommen musste: Nach den beiden Bewerbungsgesprächen wählte Herr Kah den Mann, der nichts vorzuweisen hatte, zu seinem Berater in jener Sache. Die Republik stand Kopf. Herr Kah sei ja als ewiger Querulant hinlänglich bekannt, so hörte man. Aber was seine Wahl für eine Wirkung besonders auf die fleißig lernenden Jugendlichen habe, das bedenke er natürlich nicht. Schließlich müsse sich Leistung lohnen, mithin die Titelhierarchie stabil bleiben. Und so weiter…

Die Kritik spitzte sich derart zu, dass Herr Kah sich genötigt sah, eine Pressekonferenz zu geben, um seine Wahl vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Herr Kah sagte: „Ich habe mich für Herrn Q. entschieden, weil er Geist hat.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, schallte es ihm entgegen. „Und hat nicht vielmehr Herr X. mit seiner Promotion und allem anderen bewiesen, wie viel Geist er hat?“

Herr Kah sagte: „Geist ist nicht Intelligenz. Herr X. hat lediglich bewiesen, dass er intelligent ist. Bei Herrn Q. weiß ich nicht einmal, wie intelligent er ist. Aber dass er Geist hat, sehe ich an seinen leuchtenden Augen. Es gibt zwei Arten vor Geist leuchtender Augen. Die erste findet man bei Menschen, die viel gelitten, ihr Leiden aber überwunden haben. Die zweite findet man bei Menschen, die sich ihre Kindlichkeit ohne Infantilität bewahrt haben. Das Leuchten dieser Augen ist das eines glücklichen Kindes, bloß im Gesicht eines Erwachsenen. Und solche Augen hat Herr Q. Und deswegen möchte ich mich gerne von ihm beraten lassen. Denn diese Form von Geist ist mir die wertvollste. Hätte indes Herr X. neben all seinen sicher überaus verdienten Qualifikationsnachweisen ebenfalls jene leuchtenden Augen, wollte ich mich gerne einmal auch von ihm beraten lassen.“

Nachdem Herr Kah so gesprochen hatte, entstanden in Deutschland zahllose Coaching-Agenturen, die Seminare anboten, in denen die Kunden lernen würden, ihre Augen geistig leuchten zu lassen. Eine pfiffige Geschäftsfrau sicherte sich die Rechte am Begriff ‚Augenschein-Training’. Und immer mehr Unternehmen begannen von ihren Bewerbern ‚geistig leuchtende’, wenigstens aber ‚leuchtende’ Augen zu verlangen.

(Berlin, 21. August 2011)

Herr Kah fragte einmal eine junge Frau, wie sie sich ihr weiteres Leben vorstelle.

Die junge Frau sagte: „Nach dem Abitur möchte ich studieren, irgendein Fach, mit dem ich dann sicher einen Job bekomme. Der Job selbst sollte auf alle Fälle auch sicher sein, selbst wenn ich dafür erst ein paar Praktika machen und befristete Verträge akzeptieren muss. Später möchte ich eine sichere Rente, wofür ich natürlich privat vorsorgen werde.“

„Und eine sichere Beerdigung möchten Sie sicherlich auch?“, sagte Herr Kah.

Die junge Frau schaute verwirrt – und nickte.

(Berlin, 29. Juni 2011)