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„Herr Nerz! Mein Gott, Sie sehen ja wirklich wie ein junger CDU-Politiker aus.“ Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, dreht sich angewidert weg. „Und Sie trauen sich in Berlin-Friedrichshain noch auf die Straße?“

Jetzt erkennt Nerz ihn doch: „Ach, Herr Kah, Sie sind es. Ja, warum sollte ich mich denn hier nicht mehr auf die Straße trauen?“

„Wegen all der Piraten um Sie herum“, sagt Herr Kah.

„Wie bitte? Ich bin doch der Oberpirat“, sagt Sebastian Nerz.

„Aber Sie haben der Passauer Neuen Presse ein Interview gegeben, das satirischen Maßstäben genügt. Dabei ist die Passauer Neue Presse gar keine Satire-Zeitung.“

„Piraten mögen Satire.“

„Ja, aber nicht, wenn nur die anderen drüber lachen. Was ist denn in Sie gefahren?“

„Was meinen Sie?“, fragt Sebastian Nerz.

„Im Wesentlichen haben mich zwei Punkte den Kopf schütteln lassen: Sie sagen, die Piratenpartei könne im Großen und Ganzen gut mit den kleinen Parteien, wenn man einmal von der Linkspartei absehe. Und Sie sagen, in der Sozialpolitik könnten Sie sich mit vielem anfreunden, wofür die SPD stehe.“

„Ja, und? Was ist daran verwerflich?“

„Verwerflich nichts, verwunderlich vieles. Wissen Sie, ich gehöre zu den altmodischen Leuten, die noch Grundsatzprogramme lesen und vergleichen.“

„Es tut mir leid, Herr Kah, aber ich habe gleich…“

„Einen Augenblick noch. Ich frage mich also, wieso Sie die Linkspartei ausschließen. Vergleicht man die Programme, haben die Piraten mit der Linkspartei – bei allen Unterschieden – die größten Schnittmengen.“

„Die Linkspartei schließt doch jeder aus“, sagt Sebastian Nerz.

„Deswegen tun Sie das auch? Sehr piratig“, sagt Herr Kah. „Völlig unverständlich ist mir aber Ihre Einschätzung der SPD. Ganz abgesehen davon, dass die SPD für die Vorratsdatenspeicherung eintritt, steht doch keiner mehr für Hartz IV als die Sozialdemokraten, während die Piratenpartei, wenn ich recht verstanden habe, ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen möchte.“

„Ich muss jetzt wirklich zu meinem Termin.“

„Eins noch, Herr Nerz: Es ist wirklich überflüssig, dass man Sie dauernd auf Ihr CDU-Aussehen anspricht. Aussehen ist keine piratige Kategorie. Inhalte allerdings schon.“

(Berlin, 5. Januar 2012)

Herr Kah spazierte auf kalten Füßen durch den Berliner Vorwinter und betrachtete die leuchtende Kuppel des Reichstags. Plötzlich schritt eine seiner lästigen Verehrerinnen, eine SPD-Abgeordnete, energisch auf ihn zu. Sie sah zwar passabel aus, war jedoch schrecklich aufgekratzt und ohne jedes Geheimnis. Herrn Kah aber genügte bereits die Geheimnislosigkeit des Berliner Politikbetriebs.

„Könnten Sie mir erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“, fragte die SPD-Abgeordnete Herrn Kah.

Herr Kah war erleichtert. „Das kann ich gerne tun“, sagte er. „Aber lassen Sie mich Sie dazu heute Abend ins Restaurant einladen. Die Thematik ist komplex.“

„Wollen Sie mich wirklich ins Restaurant einladen?“, sagte die Abgeordnete, außer sich vor Freude.

„Davon bin ich zutiefst überzeugt“, sagte Herr Kah. „Treffen wir uns doch gegen 20 Uhr im Restaurant ‚Zur blühenden Landschaft’.“

Als es 20 Uhr war, saß Herr Kah in seinem Lesesessel und frustrierte sich mit der Tageszeitung.

Um 22 Uhr klingelte es an seiner Haustür. „Warum sind Sie nicht gekommen?“, fragte die lästige Verehrerin, und ihre Augen funkelten schröderianisch.

„Das tut mir leid“, sagte Herr Kah, „aber die Realitäten haben sich inzwischen geändert und mir ein Kommen unmöglich gemacht.“

Die SPD-Abgeordnete nickte enttäuscht. „Könnten Sie mir trotzdem noch schnell erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“

„Aber das habe ich doch getan“, sagte Herr Kah.

(Berlin, 29.11.2011)