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An einem kalten Februarmorgen begegnete Herr Kah in einem Moabiter Supermarkt dem Papst, der dabei war, Kosmetikartikel zu sichten. Sogleich hob der Papst an, Herrn Kah das Christentum zu verkündigen.

„Das Christentum ist im Kern nicht politisch“, sagte der Papst.

„Gut“, sagte Herr Kah.

„Es ist im Kern keine Philosophie oder Wissenschaft.“

„Gut“, sagte Herr Kah.

„Es ist im Kern auch keine Ethik.“

„Einverstanden“, sagte Herr Kah.

„Es ist aber im Kern auch keine Mystik oder Meditationstechnik.“

„Gott sei Dank“, sagte Herr Kah.

„Ebenso wenig ist es im Kern Poesie oder Therapie“, sagte der Papst und schwieg.

„Wenn Sie nun“, sagte Herr Kah, „aus dem Kern des Christentums noch Gott, Christus, den Heiligen Geist und die Jungfrau Maria entfernten, begönne die Sache langsam interessant zu werden.“

Der Papst bekreuzigte sich, ließ Wimperntusche und Eyeliner in den Einkaufswagen gleiten und ging zur Kasse.

(Berlin, 7. Februar 2012)

Vor einer Versammlung lebensmüder Hartz-IV-Empfänger erzählte Herr Kah die Legende vom glücklichen Schuldner zu Dreistewitz:

Sehr verehrte Damen und Herren, Sie müssen sich Karl-Theodor zu Dreistewitz als einen normalen Menschen vorstellen. Kaum 15 Jahre alt, lieh er sich von einem Freund, der reiche Eltern hatte, 500 Euro, um mit deren Hilfe ein Mädchen zu beeindrucken, in dessen Kurven er sich verguckt hatte.

Als das Geld weg war, konnte er es nicht zurückzahlen, und der Freund prügelte zu Dreistewitz krankenhausreif.

Da nahm zu Dreistewitz bei einer Kleinbank einen Kleinkredit auf. Mit dem frischen Geld zahlte er seinem Freund die 500 Euro zurück und machte ein halbes Jahr Urlaub an der Côte d’Azur, um sich von der Prügel zu erholen.

Als er heimkam, konnte er den Kleinkredit nicht zurückzahlen, und die Kleinbank lud ihn zu einem unfreundlichen Gespräch und zwangsversteigerte seine bescheidenen Besitztümer.

Da las zu Dreistewitz ein Buch über Businessrhetorik, entwickelte einen Businessplan und fand mehr Kapitalgeber für sein Unternehmen, als er brauchen konnte. Aber Geld soll man nicht verschmähen. Und so saß zu Dreistewitz bald auf einem Kapitalpolster von 100 Millionen Euro.

Nun hatte er es sich wohl verdient, die Dinge etwas lockerer angehen zu lassen. Zu Dreistewitz kümmerte sich kaum noch um sein Unternehmen. Er spielte lieber Golf, besuchte glamouröse Partys und knüpfte erste Kontakte in die Politik.

Als Dreistewitz’ Unternehmen kurz vor der Insolvenz stand, luden ihn seine Kapitalgeber zu einem freundlichen Gespräch, gaben ihm Geld für seine Privatschatulle, damit er die Mittel habe, nach seiner harten Arbeit zu entspannen, und fädelten einen Termin mit einer Großbank für ihn ein.

Der Chef der Großbank, der Dreistewitz’ Kapitalgeber zu seinen besten Kunden zählte und fürchtete, dass sie ihre Kredite nicht mehr bedienen könnten, falls Dreistewitz die Seinen nicht mehr bedienen könnte, nahm sich extra einen Abend frei, führte zu Dreistewitz in ein Edelrestaurant und in ein Luxusbordell und bot ihm einen zu 1,5 Prozent verzinsten 500-Millionen-Kredit.

Zu Dreistewitz wand sich und zierte sich. Nach zähen Verhandlungen bekam er einen Zwei-Milliarden-Kredit zu 0,5 Prozent und eine Jahreskarte für das Luxusbordell.

Die folgenden Monate verbrachte zu Dreistewitz hauptsächlich in jenem Bordell und auf Partys Superreicher, auf denen er auch den Bundesfinanzminister kennenlernte. Die wirtschaftliche Lage der Dreistewitzschen Unternehmung verschlechterte sich von Tag zu Tag.

Als zu Dreistewitz seinen Großbankkredit nicht mehr bedienen konnte, schrillten im Land sämtliche Alarmglocken. Die Großbank galt als systemrelevant, und ihre Finanzlage war so angespannt, dass sie den Ausfall eines Zwei-Milliarden-Kredits wohl kaum überlebt hätte.

Da Bankenrettungen sehr unpopulär geworden waren, entschied der Finanzminister, Dreistewitz’ Unternehmen mit Geld aus dem Sonderfonds Arbeitsplatzrettung auszustatten und so die Bedienung des Zwei-Milliarden-Kredits zu gewährleisten.

Karl-Theodor zu Dreistewitz blieb seinem Lebenswandel treu und nahm wenig später aus den Händen der Kanzlerin stolz den ‚Deutschlandpreis für innovatives Unternehmertum’ entgegen.

Nachdem Herr Kah geschlossen hatte, ging ein resigniertes Seufzen durch die Reihen der lebensmüden Hartz-IV-Empfänger. „Es war ja nur eine Legende“, sagte Herr Kah. „In Wirklichkeit ist alles natürlich noch viel schlimmer.“

(Berlin, 4. Januar 2012)

Herr Kah spazierte auf kalten Füßen durch den Berliner Vorwinter und betrachtete die leuchtende Kuppel des Reichstags. Plötzlich schritt eine seiner lästigen Verehrerinnen, eine SPD-Abgeordnete, energisch auf ihn zu. Sie sah zwar passabel aus, war jedoch schrecklich aufgekratzt und ohne jedes Geheimnis. Herrn Kah aber genügte bereits die Geheimnislosigkeit des Berliner Politikbetriebs.

„Könnten Sie mir erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“, fragte die SPD-Abgeordnete Herrn Kah.

Herr Kah war erleichtert. „Das kann ich gerne tun“, sagte er. „Aber lassen Sie mich Sie dazu heute Abend ins Restaurant einladen. Die Thematik ist komplex.“

„Wollen Sie mich wirklich ins Restaurant einladen?“, sagte die Abgeordnete, außer sich vor Freude.

„Davon bin ich zutiefst überzeugt“, sagte Herr Kah. „Treffen wir uns doch gegen 20 Uhr im Restaurant ‚Zur blühenden Landschaft’.“

Als es 20 Uhr war, saß Herr Kah in seinem Lesesessel und frustrierte sich mit der Tageszeitung.

Um 22 Uhr klingelte es an seiner Haustür. „Warum sind Sie nicht gekommen?“, fragte die lästige Verehrerin, und ihre Augen funkelten schröderianisch.

„Das tut mir leid“, sagte Herr Kah, „aber die Realitäten haben sich inzwischen geändert und mir ein Kommen unmöglich gemacht.“

Die SPD-Abgeordnete nickte enttäuscht. „Könnten Sie mir trotzdem noch schnell erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“

„Aber das habe ich doch getan“, sagte Herr Kah.

(Berlin, 29.11.2011)

Ein Journalist fragte Herrn Kah: „Wie würden Sie den Zustand unserer Demokratie charakterisieren?“

Herr Kah sagte: „50 Prozent der Menschen sind zu dumm, um zu verstehen, was gespielt wird. 40 Prozent könnten es zwar verstehen, wollen aber nicht, weil sie meinen, dass sie so ihr Leben besser genießen können. 10 Prozent immerhin verstehen, was gespielt wird. Davon ist ein Drittel zu ängstlich, um die Spielregeln zu ändern. Ein anderes Drittel macht sie sich zynisch zunutze. Nur das letzte Drittel will die Spielregeln wirklich ändern. Es wird isoliert, psychiatrisiert, kriminalisiert oder vernichtet, und zwar von allen anderen unter der Führung derer, die sich die Spielregeln zynisch zunutze machen. Unsere heutige Demokratie ist also die bestmögliche Gesellschaftsform.“

„Das meinen Sie jetzt aber ironisch?“, sagte der Journalist.

„Ach“, sagte Herr Kah, „lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen. Sie dürfen es in Ihrer Zeitung ja doch nicht veröffentlichen.“

(Berlin, 27. Juni 2011)

„Woran liegt es, dass Wissenschaftler und Politiker sich oft spinnefeind sind?“, wurde Herr Kah gefragt.

Herr Kah sagte: „Das liegt daran, dass sie sich sehr ähnlich sind.“

„Worin sind sie sich ähnlich?“

„Darin, dass sie sich überschätzen“, sagte Herr Kah.

(Berlin, 29. August 2011)

Nachdem Herr Kah sich zum Konservatismus geäußert hatte, sagte er über den Liberalismus: „Nichts bräuchte Deutschland dringender als eine Partei der Freiheit. Die sich hierzulande aber Liberale nennen verengen Freiheit plump auf Wirtschaftsfreiheit, und auch das nur vordergründig. Denn hinter dem Festtagsgerede von der freien Marktwirtschaft verbirgt sich die Realität der Wirtschaftsoligarchien, welche längst ihren Sozialismus der Banken und Konzerne installiert haben. Die deutsche Partei der Freiheit ist in Wirklichkeit ein ebenso jämmerliches wie effektives Werkzeug der Totengräber der Freiheit.“ Herr Kah betrachtete sein Wasserglas und trank einen Schluck. „Wasser“, sagte er dann, „ist klar. Aber die Freiheit muss man in Deutschland erst liberalisieren.“

(Berlin, 19. August 2011)

Über den Konservatismus sagte Herr Kah einmal: „Erinnern Sie sich an das 19. Jahrhundert? Damals wollten die Konservativen zunächst den König und Preußen, später den Kaiser und das Reich. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen sie die Demokratie und neben Deutschland noch Europa zu wollen, und zwar in einer Weise, die im 19. Jahrhundert für linksradikal gegolten hätte. Die Konservativen waren auch lange nicht gut auf Homosexuelle, Scheidung und Frauen in der Politik zu sprechen. Heute koaliert die geschiedene Konservative Merkel mit dem homosexuellen Herrn Westerwelle. Kurz, die Konservativen regieren oft, aber sie verlieren fast immer.“

(Berlin, 16. August 2011)

Nachdem sie ihn höflich um einen Beratungstermin gebeten hatten, fanden sich die europäischen Finanzminister im Haus von Herrn Kah ein.

Während Herr Kah Leitungswasser und Schnittchen reichte, sagte der italienische Finanzminister: „Herr Kah, Sie wissen, dass die drei großen Ratingagenturen es auf den Euro abgesehen haben und gerade dabei sind, Italien zu attackieren. Sollen wir, um uns zu verteidigen, eine europäische Ratingagentur gründen?“

Herr Kah sagte: „Der Angegriffene muss schlauer sein als der Angreifer. Sie sollten eine Ratingagentur zur Bewertung von Ratingagenturen gründen. Im modernen Kapitalismus gewinnt man nicht, indem man konkurriert, sondern indem man eine neue Metaebene eröffnet.“

Die Europäische Union überwies Herrn Kah für seine Beratung 20 Millionen Euro.

(Berlin, 11. Juli 2011)