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Herr Kah schaute über die Karl-Liebknecht-Straße. Es roch nach Lebkuchen, Glühwein und Abgas. Das Rote Rathaus senkte einen freundlichen Blick auf den Weihnachtsmarkt und lächelte über das Geschiebe, Gedränge und Getriebe.

Ob sich dort auch der Mann befand, der vorgab, auf die Geburt seiner Tochter trinken zu wollen, doch die Menschen, die er mitzutrinken überredete, mit dem gepanschten Schnaps, den er ihnen reichte, vergiftete?

Herr Kah konnte dem Gedanken nicht weiter nachhängen, denn eine Frau im DDR-Nostalgielook tippte ihm auf die Schulter und sagte: „Meine Tochter, Herr Kah, sie tut nichts. Sie hat einen Sohn, aber sie liegt den ganzen Tag im Bett, spricht nicht, isst kaum. Meine Tochter tut gar nichts, Herr Kah. Was soll ich machen?“

Als Herr Kah das Zimmer der Tochter betrat, blickte sie ihn entsetzt an. „Keine Sorge“, sagte Herr Kah, „Sie müssen nichts tun. Ruhen Sie sich ruhig aus.“

Wenig später stand die junge Frau auf, schloss ihren Sohn in ihre Arme und ging mit ihm zum Weihnachtsmarkt, wo sie gebrannte Mandeln und Thüringer Rostbratwurst aßen und witzige Fotos vom Roten Rathaus machten.

Die Mutter der Frau indes war sehr erschöpft. „Legen Sie sich doch etwas hin“, sagte Herr Kah und bot bei der Verabschiedung an, die Tüte mit den leeren Cognacflaschen, die in der Garderobe lag, mitzunehmen und zu entsorgen.

Am nächsten Morgen las Herr Kah in der Zeitung, dass der Mann, der auf Berliner Weihnachtsmärkten Menschen mit Schnaps vergiftete, festgenommen worden war.

(Berlin, 21. Dezember 2011)

Ein junger Mann kam jede Woche einmal zu Herrn Kah und klagte ihm sein Leid. Dies gehe nicht, und das gehe nicht, und jenes gehe schon gar nicht.

Nach einigen Wochen sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“

Der junge Mann sagte: „Und wer wäscht meine Wäsche, wer kocht für mich?“

Eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“

Der junge Mann sagte: „Das wäre finanziell irrational. Dann müsste ich Miete zahlen. So wohne ich umsonst.“

Wieder eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“

Der junge Mann sagte: „Und wer kümmert sich um meine Mutter? Sie würde vereinsamen. Das wäre unmenschlich.“

Dann ließ sich der junge Mann eine Woche nicht blicken.

In der Woche darauf aber kam er wieder zu Herrn Kah und sagte: „Ich bin bei meiner Mutter ausgezogen.“

Herr Kah fragte verwundert: „Und wie sind Sie zu dem Entschluss gelangt?“

„Nun“, sagte der junge Mann, „ich habe jetzt eine Freundin, und die hat mir den Tipp gegeben, bei meiner Mutter auszuziehen.“

„Das“, murmelte Herr Kah, während er später im milden Abendwind entlang der Spree spazieren ging, „ist die Macht des Weibes.“

(Berlin, 30. September 2011)