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Ein Mann, der gerade viel über den Menschen gelernt hatte und darüber sehr erschüttert war, kam zu Herrn Kah und sagte: „Wenn das der Mensch ist, wie kann man dann noch vertrauen?“

„Sind Sie religiös?“, fragte Herr Kah.

„Nein“, sagte der Mann.

„Sonst hätte ich Ihnen geantwortet: von Gott her“, sagte Herr Kah. „Sind Sie vielleicht Atheist?“

„Nein“, sagte der Mann.

„Sonst hätte ich Ihnen geantwortet: vom Absurden her“, sagte Herr Kah.

„Um ehrlich zu sein“, sagte der Mann, „ich halte es eher mit der menschlichen Perspektive.“

Herr Kah sagte: „Dann müssen Sie in bewusster Entscheidung wider Ihren Verstand vertrauen. Aber achten Sie darauf, dass man Sie nicht über den Tisch zieht.“

„Gegen meinen Verstand?“, sagte der Mann traurig.

Herr Kah sagte: „Das gute Leben lobt und ehrt und folgt dem Verstand, doch sein Dreh- und Angelpunkt ist immer wider den Verstand.“

Und da Herr Kah noch Lust hatte, etwas zu plaudern, fuhr er fort: „Aber achten Sie darauf, dass man Sie nicht über den Tisch zieht. Wenn ein Religiöser über den Tisch gezogen wird, denkt er, Gott rechne es ihm fürs Paradies an. Wenn ein Absurdist über den Tisch gezogen wird, spürt er vielleicht heimliche Genugtuung. Wenn aber ein aus menschlicher Perspektive Lebender über den Tisch gezogen wird, dann fühlt er sich über den Tisch gezogen.“

Der Mann nickte, und Herr Kah fragte sich, ob der FC Bayern noch die Tabellenführung innehabe.

(Erstveröffentlichung: 9. November 2011)

Alle Geschichten vom Herrn Kah sind wahr – oder doch fast. Aber nicht alle Geschichten sind wirklich vorgefallen. Diese Geschichte ist wahr und wirklich vorgefallen.

Herr Kah ging in der Straße spazieren und sah zwei Handwerker, die dabei waren, Werkzeug und Material in ihrem Wagen zu verstauen.

Der eine Handwerker sagte: „Ich habe ja nicht einmal mehr Lust zu leben.“

Der andere Handwerker sagte: „Das Leben kann ja auch nichts dafür, dass die Welt so scheiße ist.“

„Dieser Handwerker“, äußerte Herr Kah später, „hat Philosophie. Ob er Recht hat, vermag ich für ihn nicht zu beurteilen.“

(Erstveröffentlichung: 12. Oktober 2011)

Es geschah häufig, dass jemand Herrn Kah fragte, wie er leben solle. Herr Kah gab auf diese Frage stets eine andere Antwort.

Einem Mann, der viele Bücher las, um zur Lebenskunst zu gelangen, sagte er: „Jeder vernünftige Mensch wird Ihnen auf die Frage, wie Sie leben sollen, nur im Modus lächelnder Ironie antworten, und selbst dieser Satz ist noch ironisch.“

(Erstveröffentlichung: 9. September 2011)

Ein Mann kam zu Herrn Kah und präsentierte ihm eindringlich Argumente dafür, dass es im Leben nicht auf das Glück ankomme, sondern darauf, seine Pflicht zu tun.

„Haben Sie nur Acht“, sagte Herr Kah, „dass Sie, wenn Sie Ihre Pflicht tun, nicht die Pflicht eines anderen tun.“

(Erstveröffentlichung: 29. August 2011)

Herr Kah fragte einmal eine junge Frau, wie sie sich ihr weiteres Leben vorstelle.

Die junge Frau sagte: „Nach dem Abitur möchte ich studieren, irgendein Fach, mit dem ich dann sicher einen Job bekomme. Der Job selbst sollte auf alle Fälle auch sicher sein, selbst wenn ich dafür erst ein paar Praktika machen und befristete Verträge akzeptieren muss. Später möchte ich eine sichere Rente, wofür ich natürlich privat vorsorgen werde.“

„Und eine sichere Beerdigung möchten Sie sicherlich auch?“, sagte Herr Kah.

Die junge Frau schaute verwirrt – und nickte.

(Erstveröffentlichung: 29. Juni 2011)

Einmal schien in Berlin die Sonne, und Herr Kah schlenderte am Spreeufer entlang.

Plötzlich pfiff er schrill, hielt stracks auf einen Baum zu und umarmte dessen Stamm.

Während er so verharrte, sammelten sich langsam die Passanten um ihn. Endlich fragte einer: „Warum umarmen Sie den Baum?“

Herr Kah sagte: „Ich tue dies, um Ihnen zu zeigen, dass sie den Raum Ihrer Möglichkeiten nicht ausschöpfen.“

(Erstveröffentlichung: 15. April 2011)