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Eines Tages öffnete Herr Kah, wie er es zuvor schon tausend Mal getan hatte, die Tür und trat in die Welt.

Mit jedem Schritt aber, den Herr Kah voran tat, wich die Welt plötzlich zwei Schritte zurück. Je angestrengter Herr Kah die Welt einzuholen suchte, je mehr wuchs die Distanz zwischen ihnen.

Da sagte die Welt: „Herr Kah, willst Du sterben?“

Herr Kah blieb stehen und überlegte. Dann tat er einen Schritt zurück. Und noch einen. Und noch einen. Mit jedem Schritt aber, den Herr Kah zurückwich, tat die Welt zwei Schritte voran. Und so schmolz die Distanz zwischen ihnen langsam dahin.

Als Herr Kah die Welt endlich berührte, merkte er, dass er ein kleiner Junge geworden war. Doch die Welt lag Herrn Kah nun zu Füßen, und er ging, wohin er lustig war. Und wie er so ging, wurde er rasch wieder erwachsen.

Als Herr Kah zurück nach Hause kam, setzte er sich in seinen Lesesessel, schloss die Augen und dachte: „Es passieren seltsame Dinge.“

(Berlin, 14. September 2011)

Herr Kah, der fand, dass es besser sei, das Labyrinth der Seele zu betreten, als sich zu langweilen, bemerkte im Volkspark Friedrichshain eine Frau, die so bedrückt wirkte, wie sie schön war.

„Sie sehen unglücklich aus“, sagte Herr Kah.

„Ach, wissen Sie, Herr Kah, der Stress“, sagte die Frau.

„Hier im Park?“, fragte Herr Kah.

„Nein, nicht im Volkspark Friedrichshain.“ Die Frau lachte. „Aber ab morgen habe ich wieder meinen Zehnstundentag, und abends muss ich für mein Fernstudium lernen.“

„Machen Sie Ihr Fernstudium aus beruflichen Gründen?“, fragte Herr Kah.

„Nicht direkt“, sagte die Frau.

„Aus Spaß machen Sie es vermutlich auch nicht“, sagte Herr Kah. „Sonst würde es sie wohl nicht stressen.“

„Eher für den Lebenslauf“, sagte die Frau, die nun schon weniger bedrückt wirkte, aber immer noch sehr schön war.

„Für den Lebenslauf?“, fragte Herr Kah.

„Um meine Persönlichkeit zu entwickeln“, sagte die Frau.

„Warum wollen Sie denn Ihre Persönlichkeit entwickeln?“, fragte Herr Kah.

„Um mithalten zu können“, sagte die Frau nach einer Weile.

„Und warum wollen Sie mithalten können?“, fragte Herr Kah.

Diese Frage hatte die Frau noch weniger erwartet als die vorige. Endlich antwortete sie: „Um dazuzugehören.“

Herr Kah sagte: „Sie sind also unglücklich, weil Sie sich eine Menge Stress für Ihren Lebenslauf aufladen. Den Lebenslaufstress tun Sie sich an, um Ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Ihre Persönlichkeit möchten Sie entwickeln, um mithalten zu können. Mithalten können aber möchten Sie, um dazuzugehören.“

„So kann man es zusammenfassen“, sagte die Frau.

„Nun meine Frage“, sagte Herr Kah. „Warum wollen sie dazugehören, wenn es Sie unglücklich macht?“

Die Frau antwortete nicht.

„Vielleicht wollen Sie mich auf einen Kaffee begleiten?“, fragte schließlich Herr Kah.

„Aber Herr Kah“, sagte die Frau, „Sie sind immerhin Herr Kah! Der Gedanke, mit Ihnen einen Kaffee trinken zu gehen, stresst mich über die Maßen.“

„Es wäre aber sicher gut für Ihre Persönlichkeitsentwicklung“, sagte Herr Kah und mischte seinem Lächeln ein Gran Dreistigkeit bei.

(Berlin, 4. September 2011)