Posts Tagged ‘Gesellschaft’

Ein Journalist fragte Herrn Kah: „Wie würden Sie den Zustand unserer Demokratie charakterisieren?“

Herr Kah sagte: „50 Prozent der Menschen sind zu dumm, um zu verstehen, was gespielt wird. 40 Prozent könnten es zwar verstehen, wollen aber nicht, weil sie meinen, dass sie so ihr Leben besser genießen können. 10 Prozent immerhin verstehen, was gespielt wird. Davon ist ein Drittel zu ängstlich, um die Spielregeln zu ändern. Ein anderes Drittel macht sie sich zynisch zunutze. Nur das letzte Drittel will die Spielregeln wirklich ändern. Es wird isoliert, psychiatrisiert, kriminalisiert oder vernichtet, und zwar von allen anderen unter der Führung derer, die sich die Spielregeln zynisch zunutze machen. Unsere heutige Demokratie ist also die bestmögliche Gesellschaftsform.“

„Das meinen Sie jetzt aber ironisch?“, sagte der Journalist.

„Ach“, sagte Herr Kah, „lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen. Sie dürfen es in Ihrer Zeitung ja doch nicht veröffentlichen.“

(Berlin, 27. Juni 2011)

Herr Kah hatte es sich auf einer Parkbank bequem gemacht und las in Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’.

Als er gerade bei der transzendentalen Ästhetik ankam, sprach ihn ein sorgenvoll dreinblickender junger Mann an: „Herr Kah, vielleicht können Sie mir helfen. Ich habe die Bibel studiert, Platon und auch Kant. Ich lese sogar die Flugblätter von Attac. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich immer noch nicht, wie man die Welt verbessern soll.“

„Sehen Sie die Currywurstbude dort?“ Der junge Mann nickte. „Dann kaufen Sie mir eine Pommes rot-weiß.“

(Berlin, 26. Juni 2011)

Herr Kah, der fand, dass es besser sei, das Labyrinth der Seele zu betreten, als sich zu langweilen, bemerkte im Volkspark Friedrichshain eine Frau, die so bedrückt wirkte, wie sie schön war.

„Sie sehen unglücklich aus“, sagte Herr Kah.

„Ach, wissen Sie, Herr Kah, der Stress“, sagte die Frau.

„Hier im Park?“, fragte Herr Kah.

„Nein, nicht im Volkspark Friedrichshain.“ Die Frau lachte. „Aber ab morgen habe ich wieder meinen Zehnstundentag, und abends muss ich für mein Fernstudium lernen.“

„Machen Sie Ihr Fernstudium aus beruflichen Gründen?“, fragte Herr Kah.

„Nicht direkt“, sagte die Frau.

„Aus Spaß machen Sie es vermutlich auch nicht“, sagte Herr Kah. „Sonst würde es sie wohl nicht stressen.“

„Eher für den Lebenslauf“, sagte die Frau, die nun schon weniger bedrückt wirkte, aber immer noch sehr schön war.

„Für den Lebenslauf?“, fragte Herr Kah.

„Um meine Persönlichkeit zu entwickeln“, sagte die Frau.

„Warum wollen Sie denn Ihre Persönlichkeit entwickeln?“, fragte Herr Kah.

„Um mithalten zu können“, sagte die Frau nach einer Weile.

„Und warum wollen Sie mithalten können?“, fragte Herr Kah.

Diese Frage hatte die Frau noch weniger erwartet als die vorige. Endlich antwortete sie: „Um dazuzugehören.“

Herr Kah sagte: „Sie sind also unglücklich, weil Sie sich eine Menge Stress für Ihren Lebenslauf aufladen. Den Lebenslaufstress tun Sie sich an, um Ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Ihre Persönlichkeit möchten Sie entwickeln, um mithalten zu können. Mithalten können aber möchten Sie, um dazuzugehören.“

„So kann man es zusammenfassen“, sagte die Frau.

„Nun meine Frage“, sagte Herr Kah. „Warum wollen sie dazugehören, wenn es Sie unglücklich macht?“

Die Frau antwortete nicht.

„Vielleicht wollen Sie mich auf einen Kaffee begleiten?“, fragte schließlich Herr Kah.

„Aber Herr Kah“, sagte die Frau, „Sie sind immerhin Herr Kah! Der Gedanke, mit Ihnen einen Kaffee trinken zu gehen, stresst mich über die Maßen.“

„Es wäre aber sicher gut für Ihre Persönlichkeitsentwicklung“, sagte Herr Kah und mischte seinem Lächeln ein Gran Dreistigkeit bei.

(Berlin, 4. September 2011)

Der Blick des Lehrers glitt die gläserne Zentrale hinauf: „Verantwortliche Pädagogik muss die Jugendlichen auf das vorbereiten, was die Wirtschaft will.“

„Sollte man die Jugendlichen nicht auf das vorbereiten, was sie selbst wollen?“, fragte Herr Kah.

„Sie müssen ja ihren Platz finden“, sagte der Lehrer.

„Aber wer ist das, der seinen Platz in einem fremden Willen hat?“, fragte Herr Kah.

(Berlin, 26. August 2011)