Ein junger Mann kam jede Woche einmal zu Herrn Kah und klagte ihm sein Leid. Dies gehe nicht, und das gehe nicht, und jenes gehe schon gar nicht.
Nach einigen Wochen sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“
Der junge Mann sagte: „Und wer wäscht meine Wäsche, wer kocht für mich?“
Eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“
Der junge Mann sagte: „Das wäre finanziell irrational. Dann müsste ich Miete zahlen. So wohne ich umsonst.“
Wieder eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“
Der junge Mann sagte: „Und wer kümmert sich um meine Mutter? Sie würde vereinsamen. Das wäre unmenschlich.“
Dann ließ sich der junge Mann eine Woche nicht blicken.
In der Woche darauf aber kam er wieder zu Herrn Kah und sagte: „Ich bin bei meiner Mutter ausgezogen.“
Herr Kah fragte verwundert: „Und wie sind Sie zu dem Entschluss gelangt?“
„Nun“, sagte der junge Mann, „ich habe jetzt eine Freundin, und die hat mir den Tipp gegeben, bei meiner Mutter auszuziehen.“
„Das“, murmelte Herr Kah, während er später im milden Abendwind entlang der Spree spazieren ging, „ist die Macht des Weibes.“
(Berlin, 30. September 2011)