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Herr Kah genoss den letzten Schluck seines Espressos noch mehr als die vorherigen, da klingelte es an der Tür seiner kleinen Wohnung.

Draußen stand Christian Wulff in regennassem Mantel und blickte sich gehetzt um, ob ihm nicht Journalisten auf den Fersen waren.

„Nun kommen Sie erst einmal herein, Herr Wulff. Ich bin doch kein Verfassungsfeind.“

Wenig später saßen sich Christian Wulff und Herr Kah im Wohnzimmer gegenüber. „Sie haben hier ja fast nur Bücher“, sagte Wulff bewundernd.

„Ich brauche keine Deutschlandfahne in meiner Wohnung“, sagte Herr Kah.

„Immerhin müssen Sie mir zugutehalten, dass ich nicht auf Ihren Anrufbeantworter gesprochen habe“, versuchte Wulff zu scherzen.

„Ich brauche auch keinen Anrufbeantworter in meiner Wohnung. Man würde ihn mir nur vollquatschen, und ich müsste zurückrufen. Aber was wollen Sie nun von mir?“, fragte Herr Kah.

„Sie kennen meine prekäre Lage?“, fragte Wulff.

„Selbstverständlich.“

„Was raten Sie mir zu tun?“

Herr Kah dachte lange nach und sagte: „Drei Dinge sollten Sie der Öffentlichkeit unbedingt transparent machen, wenn Sie Bundespräsident bleiben wollen: Haben Sie Schweißfüße? Mögen Sie Fesselspiele? Wie groß ist Ihr Glied in erigiertem Zustand?“

Christian Wulff sprang auf: „Das ist doch…“

„Was ich damit sagen will“, beruhigte ihn Herr Kah, „ich kann Sie nicht beraten.“ Wulff plumpste zurück in den Sessel. Herr Kah sagte: „Ihre Lage ist jenseits von Taktiererei und Beratung. Entweder oder: Wenn Sie Dreck am Stecken haben, kriegt man Sie ohnehin. Fürs Kaschieren ist es zu spät. Wenn Sie keinen Dreck am Stecken haben, liegt Ihre einzige Chance darin, sich von Ihrer Salamitaktik zu verabschieden. Ich frage mich für diesen Fall nur, warum Sie die Salamitaktik überhaupt angewendet haben. Aber gut: Jeder Jeck ist anders.“

Christian Wulff erhob sich so wortlos wie schwerfällig aus dem Sessel, streifte seinen immer noch nassen Mantel über und verabschiedete sich freundlich.

„Ach, Herr Wulff“, sagte Herr Kah, als der Bundespräsident bereits im Treppenhaus war, „wissen Sie, was mich besonders ärgert? Sie haben es geschafft, dass die Bild-Zeitung sich als Verteidigerin der Pressefreiheit aufführen kann.“

Christian Wulff lächelte sauer, und Herr Kah bereute, dass er den letzten Schluck seines Espressos nicht länger hatte genießen können.

(Berlin, 6. Januar 2012)

Herr Kah hegte einmal den Wunsch, sich in einer Sache beraten zu lassen. Selbstverständlich benötigte er die Beratung nicht wirklich, denn Herr Kah gehörte, wie alle wissen, zu den wenigen Menschen, die es vorzogen, sich selbst zu beraten. Aber es war eben doch sein Wunsch, sich einmal in jener Sache beraten zu lassen.

Da auch seine Mitbürger wussten, dass Herr Kah ein störrischer und kluger Eigenberater war, wagten es in ganz Deutschland nur zwei Männer, Herrn Kah ihre Dienste überhaupt anzubieten. Man kann sich also vorstellen, wie die gesamte Republik gebannt verfolgte, welchen Berater Herr Kah wohl erwählen würde.

Allein, im Grunde schien die Wahl bereits getroffen. Denn der erste Mann hatte in der Sache, um die es Herrn Kah zu tun war, ein Studium vorzuweisen, eine brillante Doktorarbeit, praktische Zusatzqualifikationen und äußerst erlesene Referenzen. Der zweite Mann hatte gar nichts vorzuweisen. Da er aber so mutig gewesen war, sich für die Beratung zu bewerben, wollte Herr Kah auch ihn zumindest empfangen.

Es kam, wie es kommen musste: Nach den beiden Bewerbungsgesprächen wählte Herr Kah den Mann, der nichts vorzuweisen hatte, zu seinem Berater in jener Sache. Die Republik stand Kopf. Herr Kah sei ja als ewiger Querulant hinlänglich bekannt, so hörte man. Aber was seine Wahl für eine Wirkung besonders auf die fleißig lernenden Jugendlichen habe, das bedenke er natürlich nicht. Schließlich müsse sich Leistung lohnen, mithin die Titelhierarchie stabil bleiben. Und so weiter…

Die Kritik spitzte sich derart zu, dass Herr Kah sich genötigt sah, eine Pressekonferenz zu geben, um seine Wahl vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Herr Kah sagte: „Ich habe mich für Herrn Q. entschieden, weil er Geist hat.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, schallte es ihm entgegen. „Und hat nicht vielmehr Herr X. mit seiner Promotion und allem anderen bewiesen, wie viel Geist er hat?“

Herr Kah sagte: „Geist ist nicht Intelligenz. Herr X. hat lediglich bewiesen, dass er intelligent ist. Bei Herrn Q. weiß ich nicht einmal, wie intelligent er ist. Aber dass er Geist hat, sehe ich an seinen leuchtenden Augen. Es gibt zwei Arten vor Geist leuchtender Augen. Die erste findet man bei Menschen, die viel gelitten, ihr Leiden aber überwunden haben. Die zweite findet man bei Menschen, die sich ihre Kindlichkeit ohne Infantilität bewahrt haben. Das Leuchten dieser Augen ist das eines glücklichen Kindes, bloß im Gesicht eines Erwachsenen. Und solche Augen hat Herr Q. Und deswegen möchte ich mich gerne von ihm beraten lassen. Denn diese Form von Geist ist mir die wertvollste. Hätte indes Herr X. neben all seinen sicher überaus verdienten Qualifikationsnachweisen ebenfalls jene leuchtenden Augen, wollte ich mich gerne einmal auch von ihm beraten lassen.“

Nachdem Herr Kah so gesprochen hatte, entstanden in Deutschland zahllose Coaching-Agenturen, die Seminare anboten, in denen die Kunden lernen würden, ihre Augen geistig leuchten zu lassen. Eine pfiffige Geschäftsfrau sicherte sich die Rechte am Begriff ‚Augenschein-Training’. Und immer mehr Unternehmen begannen von ihren Bewerbern ‚geistig leuchtende’, wenigstens aber ‚leuchtende’ Augen zu verlangen.

(Berlin, 21. August 2011)

Nachdem sie ihn höflich um einen Beratungstermin gebeten hatten, fanden sich die europäischen Finanzminister im Haus von Herrn Kah ein.

Während Herr Kah Leitungswasser und Schnittchen reichte, sagte der italienische Finanzminister: „Herr Kah, Sie wissen, dass die drei großen Ratingagenturen es auf den Euro abgesehen haben und gerade dabei sind, Italien zu attackieren. Sollen wir, um uns zu verteidigen, eine europäische Ratingagentur gründen?“

Herr Kah sagte: „Der Angegriffene muss schlauer sein als der Angreifer. Sie sollten eine Ratingagentur zur Bewertung von Ratingagenturen gründen. Im modernen Kapitalismus gewinnt man nicht, indem man konkurriert, sondern indem man eine neue Metaebene eröffnet.“

Die Europäische Union überwies Herrn Kah für seine Beratung 20 Millionen Euro.

(Berlin, 11. Juli 2011)