Posts Tagged ‘bedingungsloses Grundeinkommen’

Bei freudigstem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen stand Herr Kah auf dem Alexanderplatz und verschenkte 500-Euro-Scheine.

Einige Passanten nahmen das Geld und bedankten sich herzlich. Die meisten aber nahmen es und blickten Herrn Kah verächtlich an. Vereinzelt wurde er sogar bespuckt. Ein Drittel der Passanten wollte Herrn Kahs Geldgeschenk gar nicht annehmen, brüllte ihn stattdessen an oder machte ihm Vorwürfe.

„Sie arroganter Schnösel“, schrie einer.

„Ich verschenke doch nur, was ich nicht brauche“, sagte Herr Kah.

„Sie glauben wohl, Sie sind die EZB“, sagte ein anderer und zeigte ihm den Vogel.

„Da sitzen Sie einem Missverständnis auf“, sagte Herr Kah. „Die EZB gibt Geld in Form von Krediten. Ich gebe Geld in Form von Geschenken. Überhaupt sollte Ihnen eines bewusst sein: Das gesamte Geld, das in unserem Wirtschaftssystem zirkuliert, haben ursprünglich die Banken oder die Zentralbank in Form von Krediten geschaffen. Was nichts anderes bedeutet, als dass dem Geld notwendig Schulden gegenüberstehen. Sonst hätte Geld keinen ‚Forderungscharakter’. Je mehr Geld, desto mehr Schulden. Die Frage ist lediglich, bei wem die Schulden verbucht werden und bei wem die Vermögen. Herzlich willkommen im Hamsterrad!“

Dass sie im Hamsterrad lebten, wollten die Menschen natürlich nicht hören, geschweige denn verstehen. Und so zerstreuten sie sich langsam und würden wohl weiter brav die Zinsen des Systems ‚erwirtschaften’.

Eine, die etwas mitgedacht hatte, blieb bei Herrn Kah und sagte: „Führte das nicht zu horrender Inflation, wenn die EZB – wie Sie – Geld ohne Umweg über die Banken einfach verschenkte?“

„Man muss es mit den Geschenken ja nicht übertreiben“, sagte Herr Kah. „Außerdem würde ich das Geldsystem nicht komplett nach dem Geschenkprinzip funktionieren lassen. Auch das Kreditprinzip hat wirtschaftlich seine Berechtigung. Eine großzügig verstandene materielle Existenzgrundlage aber sollte jeder Einzelne geschenkt bekommen. Das gebieten Würde und Freiheit des Individuums.“

„Hm, Sie plädieren für eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens?“

„Sie haben’s erfasst. Aber die Köpfe der meisten Menschen sind leider noch voll der Denkstrukturen ihrer eigenen Geldversklavtheit.“

Auf dem Rückweg zu seiner Wohnung ließ Herr Kah Revue passieren, wie die Mehrheit der Passanten auf seine Geldgeschenke reagiert hatte. Tja, dachte er, so aggressiv werden die Menschen, wenn man ihnen Gutes tut.

(Berlin, 7. Januar 2012)

„Herr Nerz! Mein Gott, Sie sehen ja wirklich wie ein junger CDU-Politiker aus.“ Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, dreht sich angewidert weg. „Und Sie trauen sich in Berlin-Friedrichshain noch auf die Straße?“

Jetzt erkennt Nerz ihn doch: „Ach, Herr Kah, Sie sind es. Ja, warum sollte ich mich denn hier nicht mehr auf die Straße trauen?“

„Wegen all der Piraten um Sie herum“, sagt Herr Kah.

„Wie bitte? Ich bin doch der Oberpirat“, sagt Sebastian Nerz.

„Aber Sie haben der Passauer Neuen Presse ein Interview gegeben, das satirischen Maßstäben genügt. Dabei ist die Passauer Neue Presse gar keine Satire-Zeitung.“

„Piraten mögen Satire.“

„Ja, aber nicht, wenn nur die anderen drüber lachen. Was ist denn in Sie gefahren?“

„Was meinen Sie?“, fragt Sebastian Nerz.

„Im Wesentlichen haben mich zwei Punkte den Kopf schütteln lassen: Sie sagen, die Piratenpartei könne im Großen und Ganzen gut mit den kleinen Parteien, wenn man einmal von der Linkspartei absehe. Und Sie sagen, in der Sozialpolitik könnten Sie sich mit vielem anfreunden, wofür die SPD stehe.“

„Ja, und? Was ist daran verwerflich?“

„Verwerflich nichts, verwunderlich vieles. Wissen Sie, ich gehöre zu den altmodischen Leuten, die noch Grundsatzprogramme lesen und vergleichen.“

„Es tut mir leid, Herr Kah, aber ich habe gleich…“

„Einen Augenblick noch. Ich frage mich also, wieso Sie die Linkspartei ausschließen. Vergleicht man die Programme, haben die Piraten mit der Linkspartei – bei allen Unterschieden – die größten Schnittmengen.“

„Die Linkspartei schließt doch jeder aus“, sagt Sebastian Nerz.

„Deswegen tun Sie das auch? Sehr piratig“, sagt Herr Kah. „Völlig unverständlich ist mir aber Ihre Einschätzung der SPD. Ganz abgesehen davon, dass die SPD für die Vorratsdatenspeicherung eintritt, steht doch keiner mehr für Hartz IV als die Sozialdemokraten, während die Piratenpartei, wenn ich recht verstanden habe, ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen möchte.“

„Ich muss jetzt wirklich zu meinem Termin.“

„Eins noch, Herr Nerz: Es ist wirklich überflüssig, dass man Sie dauernd auf Ihr CDU-Aussehen anspricht. Aussehen ist keine piratige Kategorie. Inhalte allerdings schon.“

(Berlin, 5. Januar 2012)

Der Bundesverband zockender Großbanken hatte Herrn Kah zu einem Krisengipfel eingeladen.

„Herr Kah“, sagte der Verbandpräsident, „haben Sie eine Ahnung, wie Banken und Staaten aus dem Schuldensumpf je wieder herauskommen können?“

„Oh, das ist ganz einfach“, sagte Herr Kah. „Könnten Sie mir bitte einen Laptop bringen?“

Herr Kah bekam einen Laptop, und eine Traube ebenso verwunderter wie hoffnungsvoller Banker bildete sich um ihn herum.

In Windeseile programmierte Herr Kah einen Virus und schickte ihn auf die Reise. „So“, sagte Herr Kah, „mein bescheidenes Geschöpf wird die Schuldenstände in sämtlichen Computern der Welt auf Null stellen. Banken, Staaten, aber auch Unternehmen und Privatpersonen sind in einer Minute entschuldet.“

„Aber das geht doch nicht“, sagte der Verbandspräsident. „Sie belohnen die Schuldenmacher und klauen allen Gläubigern ihr Geld.“

„Einen Moment“, sagte Herr Kah, programmierte einen zweiten Virus und sandte auch ihn ab.

„Was haben Sie getan?“, fragte der Verbandspräsident.

„Nun, mein zweites bescheidenes Geschöpf sorgt dafür, dass allen Gläubigern der Welt alle Kredite inklusive entgangener Zinsen zurückgebucht werden“, sagte Herr Kah.

„Sie sind ein Genie“, rief der Verbandspräsident, ließ Champagner, Koks und Huren kommen, und alle Banker feierten, dass man wieder von Null loszocken könne.

„Wie die kleinen Kinder vorm Computer“, dachte Herr Kah. „Nur, dass sie nicht einmal wissen, dass sie bloß vorm Computer sitzen.“

Und Herr Kah nahm sich vor, noch am selben Abend einen dritten Virus zu programmieren, der dafür sorgen sollte, dass jeder Erdenbürger am Monatsersten auf seinem Konto ein großzügiges bedingungsloses Grundeinkommen vorfinden würde.

(Berlin, 26. Oktober 2011)