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Herr Kah stellte sich mitten auf den Alexanderplatz und fragte die Passanten, was sie in der Krise mit ihrem Geld machten.

„Ich lasse es auf dem Tagesgeldkonto“, sagte einer.

„So ein Quatsch“, sagte ein anderer, „man muss Aktien kaufen.“

„Solide Unternehmensanleihen sind ein gutes Investment“, meinte eine Frau.

„Ich habe gar kein Geld“, sagte eine andere.

„Immobilien sind das Gebot der Stunde“, sagte ein Mann, der einen Mantel trug, obwohl es in Berlin noch sehr mild war.

Ein anderer lachte verächtlich und sagte: „Ihr könnt euer Geld nicht retten. Es bleibt nur der Konsum. Ich hau mein Geld auf den Kopf, solang ich noch was dafür kriege.“

„Und Sie?“, wurde Herr Kah gefragt. „Was machen Sie in der Krise mit Ihrem Geld?“

„Oh“, sagte Herr Kah, „ich verschenke es.“

Die Blicke der Umstehenden glühten gierig auf und schienen zugleich sagen zu wollen, dass Herr Kah dringend einen Psychotherapeuten aufsuchen sollte.

Herr Kah sagte: „Wenn jeder nur das Geld behielte, das er wirklich benötigt, den Rest aber denen schenkte, die nicht genug Geld haben, und wenn jeder sich außerdem darauf verlassen könnte, dass ihm ebenso getan würde, dann wäre für alle gesorgt.“

„Wenn das Wörtchen ‚wenn’ nicht wäre“, sagte der Mann, der einen Mantel trug.

„Im Grunde scheitert der schenkende Umgang mit Geld nur an der Angst, der Idiot zu sein, der übervorteilt wird“, sagte Herr Kah.

„Einer berechtigten Angst“, sagte der Mann im Mantel.

„Einer realen Angst“, sagte Herr Kah, „keiner berechtigten.“

Während sich die Zuhörer zerstreuten, kam ein Bettler zu Herrn Kah und gab ihm zu verstehen, dass er 50 Euro gut gebrauchen könnte.

„Wenden Sie sich an den Finanzminister“, sagte Herr Kah, ging in eine Bäckerei und kaufte sich ein Stück Erdbeerkuchen mit Sahne.

(Erstveröffentlichung: 2. November 2011)

Ein Journalist fragte Herrn Kah: „Wie würden Sie den Zustand unserer Demokratie charakterisieren?“

Herr Kah sagte: „50 Prozent der Menschen sind zu dumm, um zu verstehen, was gespielt wird. 40 Prozent könnten es zwar verstehen, wollen aber nicht, weil sie meinen, dass sie so ihr Leben besser genießen können. 10 Prozent immerhin verstehen, was gespielt wird. Davon ist ein Drittel zu ängstlich, um die Spielregeln zu ändern. Ein anderes Drittel macht sie sich zynisch zunutze. Nur das letzte Drittel will die Spielregeln wirklich ändern. Es wird isoliert, psychiatrisiert, kriminalisiert oder vernichtet, und zwar von allen anderen unter der Führung derer, die sich die Spielregeln zynisch zunutze machen. Unsere heutige Demokratie ist also die bestmögliche Gesellschaftsform.“

„Das meinen Sie jetzt aber ironisch?“, sagte der Journalist.

„Ach“, sagte Herr Kah, „lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen. Sie dürfen es in Ihrer Zeitung ja doch nicht veröffentlichen.“

(Erstveröffentlichung: 27. Juni 2011)