Christian Wulff und der letzte Schluck Espresso

Samstag, Januar 7, 2012

Herr Kah genoss den letzten Schluck seines Espressos noch mehr als die vorherigen, da klingelte es an der Tür seiner kleinen Wohnung.

Draußen stand Christian Wulff in regennassem Mantel und blickte sich gehetzt um, ob ihm nicht Journalisten auf den Fersen waren.

„Nun kommen Sie erst einmal herein, Herr Wulff. Ich bin doch kein Verfassungsfeind.“

Wenig später saßen sich Christian Wulff und Herr Kah im Wohnzimmer gegenüber. „Sie haben hier ja fast nur Bücher“, sagte Wulff bewundernd.

„Ich brauche keine Deutschlandfahne in meiner Wohnung“, sagte Herr Kah.

„Immerhin müssen Sie mir zugutehalten, dass ich nicht auf Ihren Anrufbeantworter gesprochen habe“, versuchte Wulff zu scherzen.

„Ich brauche auch keinen Anrufbeantworter in meiner Wohnung. Man würde ihn mir nur vollquatschen, und ich müsste zurückrufen. Aber was wollen Sie nun von mir?“, fragte Herr Kah.

„Sie kennen meine prekäre Lage?“, fragte Wulff.

„Selbstverständlich.“

„Was raten Sie mir zu tun?“

Herr Kah dachte lange nach und sagte: „Drei Dinge sollten Sie der Öffentlichkeit unbedingt transparent machen, wenn Sie Bundespräsident bleiben wollen: Haben Sie Schweißfüße? Mögen Sie Fesselspiele? Wie groß ist Ihr Glied in erigiertem Zustand?“

Christian Wulff sprang auf: „Das ist doch…“

„Was ich damit sagen will“, beruhigte ihn Herr Kah, „ich kann Sie nicht beraten.“ Wulff plumpste zurück in den Sessel. Herr Kah sagte: „Ihre Lage ist jenseits von Taktiererei und Beratung. Entweder oder: Wenn Sie Dreck am Stecken haben, kriegt man Sie ohnehin. Fürs Kaschieren ist es zu spät. Wenn Sie keinen Dreck am Stecken haben, liegt Ihre einzige Chance darin, sich von Ihrer Salamitaktik zu verabschieden. Ich frage mich für diesen Fall nur, warum Sie die Salamitaktik überhaupt angewendet haben. Aber gut: Jeder Jeck ist anders.“

Christian Wulff erhob sich so wortlos wie schwerfällig aus dem Sessel, streifte seinen immer noch nassen Mantel über und verabschiedete sich freundlich.

„Ach, Herr Wulff“, sagte Herr Kah, als der Bundespräsident bereits im Treppenhaus war, „wissen Sie, was mich besonders ärgert? Sie haben es geschafft, dass die Bild-Zeitung sich als Verteidigerin der Pressefreiheit aufführen kann.“

Christian Wulff lächelte sauer, und Herr Kah bereute, dass er den letzten Schluck seines Espressos nicht länger hatte genießen können.

(Berlin, 6. Januar 2012)

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