Archive for the ‘Politik’ Category

Ein Historiker sagte: “In der parlamentarischen Monarchie kann der Monarch die Regierung nicht absetzen und hat allgemein kaum Einfluss auf die Staatsgeschäfte, um die sich vielmehr Regierung und Parlament kümmern. Im Wesentlichen repräsentiert der parlamentarische Monarch nur noch.”

Herr Kah sagte: “Ach, das erinnert mich strukturell doch sehr an die gegenwärtigen Zustände. In der plutokratischen Demokratie können die Bürger die Regierung dem Inhalt nach auch nicht absetzen, bestenfalls die Regierungsköpfe abwählen. Die Bürger haben allgemein kaum Einfluss auf die Staatsgeschäfte, um die sich vielmehr Lobbyisten und Plutokraten kümmern. Im Wesentlichen repräsentieren die demokratischen Bürger nur noch. – Endlich hat sich ein langgehegter Wunsch verwirklicht: Der Bürger ist König.”

(Berlin, 29. Januar 2012)

Bei freudigstem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen stand Herr Kah auf dem Alexanderplatz und verschenkte 500-Euro-Scheine.

Einige Passanten nahmen das Geld und bedankten sich herzlich. Die meisten aber nahmen es und blickten Herrn Kah verächtlich an. Vereinzelt wurde er sogar bespuckt. Ein Drittel der Passanten wollte Herrn Kahs Geldgeschenk gar nicht annehmen, brüllte ihn stattdessen an oder machte ihm Vorwürfe.

„Sie arroganter Schnösel“, schrie einer.

„Ich verschenke doch nur, was ich nicht brauche“, sagte Herr Kah.

„Sie glauben wohl, Sie sind die EZB“, sagte ein anderer und zeigte ihm den Vogel.

„Da sitzen Sie einem Missverständnis auf“, sagte Herr Kah. „Die EZB gibt Geld in Form von Krediten. Ich gebe Geld in Form von Geschenken. Überhaupt sollte Ihnen eines bewusst sein: Das gesamte Geld, das in unserem Wirtschaftssystem zirkuliert, haben ursprünglich die Banken oder die Zentralbank in Form von Krediten geschaffen. Was nichts anderes bedeutet, als dass dem Geld notwendig Schulden gegenüberstehen. Sonst hätte Geld keinen ‚Forderungscharakter’. Je mehr Geld, desto mehr Schulden. Die Frage ist lediglich, bei wem die Schulden verbucht werden und bei wem die Vermögen. Herzlich willkommen im Hamsterrad!“

Dass sie im Hamsterrad lebten, wollten die Menschen natürlich nicht hören, geschweige denn verstehen. Und so zerstreuten sie sich langsam und würden wohl weiter brav die Zinsen des Systems ‚erwirtschaften’.

Eine, die etwas mitgedacht hatte, blieb bei Herrn Kah und sagte: „Führte das nicht zu horrender Inflation, wenn die EZB – wie Sie – Geld ohne Umweg über die Banken einfach verschenkte?“

„Man muss es mit den Geschenken ja nicht übertreiben“, sagte Herr Kah. „Außerdem würde ich das Geldsystem nicht komplett nach dem Geschenkprinzip funktionieren lassen. Auch das Kreditprinzip hat wirtschaftlich seine Berechtigung. Eine großzügig verstandene materielle Existenzgrundlage aber sollte jeder Einzelne geschenkt bekommen. Das gebieten Würde und Freiheit des Individuums.“

„Hm, Sie plädieren für eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens?“

„Sie haben’s erfasst. Aber die Köpfe der meisten Menschen sind leider noch voll der Denkstrukturen ihrer eigenen Geldversklavtheit.“

Auf dem Rückweg zu seiner Wohnung ließ Herr Kah Revue passieren, wie die Mehrheit der Passanten auf seine Geldgeschenke reagiert hatte. Tja, dachte er, so aggressiv werden die Menschen, wenn man ihnen Gutes tut.

(Berlin, 7. Januar 2012)

Herr Kah genoss den letzten Schluck seines Espressos noch mehr als die vorherigen, da klingelte es an der Tür seiner kleinen Wohnung.

Draußen stand Christian Wulff in regennassem Mantel und blickte sich gehetzt um, ob ihm nicht Journalisten auf den Fersen waren.

„Nun kommen Sie erst einmal herein, Herr Wulff. Ich bin doch kein Verfassungsfeind.“

Wenig später saßen sich Christian Wulff und Herr Kah im Wohnzimmer gegenüber. „Sie haben hier ja fast nur Bücher“, sagte Wulff bewundernd.

„Ich brauche keine Deutschlandfahne in meiner Wohnung“, sagte Herr Kah.

„Immerhin müssen Sie mir zugutehalten, dass ich nicht auf Ihren Anrufbeantworter gesprochen habe“, versuchte Wulff zu scherzen.

„Ich brauche auch keinen Anrufbeantworter in meiner Wohnung. Man würde ihn mir nur vollquatschen, und ich müsste zurückrufen. Aber was wollen Sie nun von mir?“, fragte Herr Kah.

„Sie kennen meine prekäre Lage?“, fragte Wulff.

„Selbstverständlich.“

„Was raten Sie mir zu tun?“

Herr Kah dachte lange nach und sagte: „Drei Dinge sollten Sie der Öffentlichkeit unbedingt transparent machen, wenn Sie Bundespräsident bleiben wollen: Haben Sie Schweißfüße? Mögen Sie Fesselspiele? Wie groß ist Ihr Glied in erigiertem Zustand?“

Christian Wulff sprang auf: „Das ist doch…“

„Was ich damit sagen will“, beruhigte ihn Herr Kah, „ich kann Sie nicht beraten.“ Wulff plumpste zurück in den Sessel. Herr Kah sagte: „Ihre Lage ist jenseits von Taktiererei und Beratung. Entweder oder: Wenn Sie Dreck am Stecken haben, kriegt man Sie ohnehin. Fürs Kaschieren ist es zu spät. Wenn Sie keinen Dreck am Stecken haben, liegt Ihre einzige Chance darin, sich von Ihrer Salamitaktik zu verabschieden. Ich frage mich für diesen Fall nur, warum Sie die Salamitaktik überhaupt angewendet haben. Aber gut: Jeder Jeck ist anders.“

Christian Wulff erhob sich so wortlos wie schwerfällig aus dem Sessel, streifte seinen immer noch nassen Mantel über und verabschiedete sich freundlich.

„Ach, Herr Wulff“, sagte Herr Kah, als der Bundespräsident bereits im Treppenhaus war, „wissen Sie, was mich besonders ärgert? Sie haben es geschafft, dass die Bild-Zeitung sich als Verteidigerin der Pressefreiheit aufführen kann.“

Christian Wulff lächelte sauer, und Herr Kah bereute, dass er den letzten Schluck seines Espressos nicht länger hatte genießen können.

(Berlin, 6. Januar 2012)

„Herr Nerz! Mein Gott, Sie sehen ja wirklich wie ein junger CDU-Politiker aus.“ Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, dreht sich angewidert weg. „Und Sie trauen sich in Berlin-Friedrichshain noch auf die Straße?“

Jetzt erkennt Nerz ihn doch: „Ach, Herr Kah, Sie sind es. Ja, warum sollte ich mich denn hier nicht mehr auf die Straße trauen?“

„Wegen all der Piraten um Sie herum“, sagt Herr Kah.

„Wie bitte? Ich bin doch der Oberpirat“, sagt Sebastian Nerz.

„Aber Sie haben der Passauer Neuen Presse ein Interview gegeben, das satirischen Maßstäben genügt. Dabei ist die Passauer Neue Presse gar keine Satire-Zeitung.“

„Piraten mögen Satire.“

„Ja, aber nicht, wenn nur die anderen drüber lachen. Was ist denn in Sie gefahren?“

„Was meinen Sie?“, fragt Sebastian Nerz.

„Im Wesentlichen haben mich zwei Punkte den Kopf schütteln lassen: Sie sagen, die Piratenpartei könne im Großen und Ganzen gut mit den kleinen Parteien, wenn man einmal von der Linkspartei absehe. Und Sie sagen, in der Sozialpolitik könnten Sie sich mit vielem anfreunden, wofür die SPD stehe.“

„Ja, und? Was ist daran verwerflich?“

„Verwerflich nichts, verwunderlich vieles. Wissen Sie, ich gehöre zu den altmodischen Leuten, die noch Grundsatzprogramme lesen und vergleichen.“

„Es tut mir leid, Herr Kah, aber ich habe gleich…“

„Einen Augenblick noch. Ich frage mich also, wieso Sie die Linkspartei ausschließen. Vergleicht man die Programme, haben die Piraten mit der Linkspartei – bei allen Unterschieden – die größten Schnittmengen.“

„Die Linkspartei schließt doch jeder aus“, sagt Sebastian Nerz.

„Deswegen tun Sie das auch? Sehr piratig“, sagt Herr Kah. „Völlig unverständlich ist mir aber Ihre Einschätzung der SPD. Ganz abgesehen davon, dass die SPD für die Vorratsdatenspeicherung eintritt, steht doch keiner mehr für Hartz IV als die Sozialdemokraten, während die Piratenpartei, wenn ich recht verstanden habe, ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen möchte.“

„Ich muss jetzt wirklich zu meinem Termin.“

„Eins noch, Herr Nerz: Es ist wirklich überflüssig, dass man Sie dauernd auf Ihr CDU-Aussehen anspricht. Aussehen ist keine piratige Kategorie. Inhalte allerdings schon.“

(Berlin, 5. Januar 2012)

Herr Kah spazierte auf kalten Füßen durch den Berliner Vorwinter und betrachtete die leuchtende Kuppel des Reichstags. Plötzlich schritt eine seiner lästigen Verehrerinnen, eine SPD-Abgeordnete, energisch auf ihn zu. Sie sah zwar passabel aus, war jedoch schrecklich aufgekratzt und ohne jedes Geheimnis. Herrn Kah aber genügte bereits die Geheimnislosigkeit des Berliner Politikbetriebs.

„Könnten Sie mir erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“, fragte die SPD-Abgeordnete Herrn Kah.

Herr Kah war erleichtert. „Das kann ich gerne tun“, sagte er. „Aber lassen Sie mich Sie dazu heute Abend ins Restaurant einladen. Die Thematik ist komplex.“

„Wollen Sie mich wirklich ins Restaurant einladen?“, sagte die Abgeordnete, außer sich vor Freude.

„Davon bin ich zutiefst überzeugt“, sagte Herr Kah. „Treffen wir uns doch gegen 20 Uhr im Restaurant ‚Zur blühenden Landschaft’.“

Als es 20 Uhr war, saß Herr Kah in seinem Lesesessel und frustrierte sich mit der Tageszeitung.

Um 22 Uhr klingelte es an seiner Haustür. „Warum sind Sie nicht gekommen?“, fragte die lästige Verehrerin, und ihre Augen funkelten schröderianisch.

„Das tut mir leid“, sagte Herr Kah, „aber die Realitäten haben sich inzwischen geändert und mir ein Kommen unmöglich gemacht.“

Die SPD-Abgeordnete nickte enttäuscht. „Könnten Sie mir trotzdem noch schnell erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“

„Aber das habe ich doch getan“, sagte Herr Kah.

(Berlin, 29.11.2011)

Der Bundesverband zockender Großbanken hatte Herrn Kah zu einem Krisengipfel eingeladen.

„Herr Kah“, sagte der Verbandpräsident, „haben Sie eine Ahnung, wie Banken und Staaten aus dem Schuldensumpf je wieder herauskommen können?“

„Oh, das ist ganz einfach“, sagte Herr Kah. „Könnten Sie mir bitte einen Laptop bringen?“

Herr Kah bekam einen Laptop, und eine Traube ebenso verwunderter wie hoffnungsvoller Banker bildete sich um ihn herum.

In Windeseile programmierte Herr Kah einen Virus und schickte ihn auf die Reise. „So“, sagte Herr Kah, „mein bescheidenes Geschöpf wird die Schuldenstände in sämtlichen Computern der Welt auf Null stellen. Banken, Staaten, aber auch Unternehmen und Privatpersonen sind in einer Minute entschuldet.“

„Aber das geht doch nicht“, sagte der Verbandspräsident. „Sie belohnen die Schuldenmacher und klauen allen Gläubigern ihr Geld.“

„Einen Moment“, sagte Herr Kah, programmierte einen zweiten Virus und sandte auch ihn ab.

„Was haben Sie getan?“, fragte der Verbandspräsident.

„Nun, mein zweites bescheidenes Geschöpf sorgt dafür, dass allen Gläubigern der Welt alle Kredite inklusive entgangener Zinsen zurückgebucht werden“, sagte Herr Kah.

„Sie sind ein Genie“, rief der Verbandspräsident, ließ Champagner, Koks und Huren kommen, und alle Banker feierten, dass man wieder von Null loszocken könne.

„Wie die kleinen Kinder vorm Computer“, dachte Herr Kah. „Nur, dass sie nicht einmal wissen, dass sie bloß vorm Computer sitzen.“

Und Herr Kah nahm sich vor, noch am selben Abend einen dritten Virus zu programmieren, der dafür sorgen sollte, dass jeder Erdenbürger am Monatsersten auf seinem Konto ein großzügiges bedingungsloses Grundeinkommen vorfinden würde.

(Berlin, 26. Oktober 2011)

Ein Journalist fragte Herrn Kah: „Wie würden Sie den Zustand unserer Demokratie charakterisieren?“

Herr Kah sagte: „50 Prozent der Menschen sind zu dumm, um zu verstehen, was gespielt wird. 40 Prozent könnten es zwar verstehen, wollen aber nicht, weil sie meinen, dass sie so ihr Leben besser genießen können. 10 Prozent immerhin verstehen, was gespielt wird. Davon ist ein Drittel zu ängstlich, um die Spielregeln zu ändern. Ein anderes Drittel macht sie sich zynisch zunutze. Nur das letzte Drittel will die Spielregeln wirklich ändern. Es wird isoliert, psychiatrisiert, kriminalisiert oder vernichtet, und zwar von allen anderen unter der Führung derer, die sich die Spielregeln zynisch zunutze machen. Unsere heutige Demokratie ist also die bestmögliche Gesellschaftsform.“

„Das meinen Sie jetzt aber ironisch?“, sagte der Journalist.

„Ach“, sagte Herr Kah, „lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen. Sie dürfen es in Ihrer Zeitung ja doch nicht veröffentlichen.“

(Berlin, 27. Juni 2011)

Herr Kah hatte es sich auf einer Parkbank bequem gemacht und las in Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’.

Als er gerade bei der transzendentalen Ästhetik ankam, sprach ihn ein sorgenvoll dreinblickender junger Mann an: „Herr Kah, vielleicht können Sie mir helfen. Ich habe die Bibel studiert, Platon und auch Kant. Ich lese sogar die Flugblätter von Attac. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich immer noch nicht, wie man die Welt verbessern soll.“

„Sehen Sie die Currywurstbude dort?“ Der junge Mann nickte. „Dann kaufen Sie mir eine Pommes rot-weiß.“

(Berlin, 26. Juni 2011)