Posts by Matthias Pleye

Ein Journalist fragte Herrn Kah: „Wie würden Sie den Zustand unserer Demokratie charakterisieren?“

Herr Kah sagte: „50 Prozent der Menschen sind zu dumm, um zu verstehen, was gespielt wird. 40 Prozent könnten es zwar verstehen, wollen aber nicht, weil sie meinen, dass sie so ihr Leben besser genießen können. 10 Prozent immerhin verstehen, was gespielt wird. Davon ist ein Drittel zu ängstlich, um die Spielregeln zu ändern. Ein anderes Drittel macht sie sich zynisch zunutze. Nur das letzte Drittel will die Spielregeln wirklich ändern. Es wird isoliert, psychiatrisiert, kriminalisiert oder vernichtet, und zwar von allen anderen unter der Führung derer, die sich die Spielregeln zynisch zunutze machen. Unsere heutige Demokratie ist also die bestmögliche Gesellschaftsform.“

„Das meinen Sie jetzt aber ironisch?“, sagte der Journalist.

„Ach“, sagte Herr Kah, „lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen. Sie dürfen es in Ihrer Zeitung ja doch nicht veröffentlichen.“

(Berlin, 27. Juni 2011)

Eine wahre und wirklich vorgefallene Geschichte will, dass Herr Kah vor dem Kaufhaus des Westens ein Gespräch zweier junger Frauen mithörte.

Die erste Frau sagte: „Der Knaller! Das habe ich dir noch gar nicht erzählt: Rudolf ist 31 Jahre alt.“

Die zweite Frau: „Kann nicht sein.“

Die erste: „Doch. Ich habe auch gelacht. Der Typ ist 31, sieht aus wie 25 und verhält sich, als wenn er 18 wäre.“

Herr Kah aber notierte: „Das kalendarische Alter ist nicht das biologische, das biologische nicht das psychologische und das psychologische auch nicht das kalendarische – Verwirrung.“

(Berlin, 14. Oktober 2011)

Alle Geschichten vom Herrn Kah sind wahr – oder doch fast. Aber nicht alle Geschichten sind wirklich vorgefallen. Diese Geschichte ist wahr und wirklich vorgefallen.

Herr Kah ging in der Straße spazieren und sah zwei Handwerker, die dabei waren, Werkzeug und Material in ihrem Wagen zu verstauen.

Der eine Handwerker sagte: „Ich habe ja nicht einmal mehr Lust zu leben.“

Der andere Handwerker sagte: „Das Leben kann ja auch nichts dafür, dass die Welt so scheiße ist.“

„Dieser Handwerker“, äußerte Herr Kah später, „hat Philosophie. Ob er Recht hat, vermag ich für ihn nicht zu beurteilen.“

(Berlin, 12. Oktober 2011)

Herr Kah wurde einmal gefragt, wer am Ende Recht behalten werde.

„Keiner“, sagte Herr Kah.

(Berlin, 30. Juli 2011)

Herr Kah traf einen Wissenschaftler, der den Menschen einzig aus seinem äußerlich beobachtbaren Verhalten verstehen zu können glaubte.

„Aber der Mensch ist auch Innerlichkeit“, sagte Herr Kah.

Einige Monate darauf besuchte der Wissenschaftler Herrn Kah und sagte: „Ich habe Ihre Kritik aufgenommen und zur Beobachtung der Innerlichkeit des Menschen ein Gerät entwickelt, mit dem man ihm ins Gehirn schauen kann.“

„Wenn ich ehrlich sein darf“, sagte Herr Kah, „Ihr Begriff von Innerlichkeit scheint mir sehr äußerlich.“

(Berlin, 7. Oktober 2011)

Eines Tages kamen ein Jude, ein Christ und ein Moslem, die sich vorher abgesprochen hatten, zu Herrn Kah und fragten: „Glauben Sie an Gott?“

Herr Kah sagte: „Ich glaube, dass es sinnlos ist, die Frage mit Menschen zu diskutieren, die sie stellen.“

(Berlin, 23. Juni 2011)

Ein junger Mann kam jede Woche einmal zu Herrn Kah und klagte ihm sein Leid. Dies gehe nicht, und das gehe nicht, und jenes gehe schon gar nicht.

Nach einigen Wochen sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“

Der junge Mann sagte: „Und wer wäscht meine Wäsche, wer kocht für mich?“

Eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“

Der junge Mann sagte: „Das wäre finanziell irrational. Dann müsste ich Miete zahlen. So wohne ich umsonst.“

Wieder eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“

Der junge Mann sagte: „Und wer kümmert sich um meine Mutter? Sie würde vereinsamen. Das wäre unmenschlich.“

Dann ließ sich der junge Mann eine Woche nicht blicken.

In der Woche darauf aber kam er wieder zu Herrn Kah und sagte: „Ich bin bei meiner Mutter ausgezogen.“

Herr Kah fragte verwundert: „Und wie sind Sie zu dem Entschluss gelangt?“

„Nun“, sagte der junge Mann, „ich habe jetzt eine Freundin, und die hat mir den Tipp gegeben, bei meiner Mutter auszuziehen.“

„Das“, murmelte Herr Kah, während er später im milden Abendwind entlang der Spree spazieren ging, „ist die Macht des Weibes.“

(Berlin, 30. September 2011)