Posts by Matthias Pleye

24. Dezember, Nachmittag. Kontinentale Kälte lagert über Prenzlauer Berg. Herr Kah schlendert durch die grauweißen Straßen. Eine Tüte mit KaDeWe-Delikatessen für den Abend baumelt an seinem Handgelenk. Am Wittenbergplatz hatte Herr Kah spontan entschieden, mit der U-Bahn in den trendigen Ortsteil zu fahren.

Aber Prenzlauer Berg ist entvölkert. Die Kulturbrauerei gleicht einer sibirischen Industrieruine. Nur in der Kastanienallee fegt noch eine Frau den Neuschnee vom Dach ihres Wagens und kratzt die Scheiben frei.

„Auch auf dem Sprung?“

„Herr Kah! Das nenne ich eine Weihnachtsüberraschung. – Ja, ich fahre zu meinen Eltern in den Westen“, sagt die Frau.

„Zu Weihnachten verlassen die Menschen ihr Zuhause für ihr wahres Zuhause“, sagt Herr Kah.

Die Frau lächelt und fragt: „Wo werden denn Sie Weihnachten verbringen?“

„Ich habe kein wahres Zuhause. Mein wahres Zuhause ist überall. Mein wahres Zuhause ist also in mir selbst. Es ist klein, aber weit, im Ganzen gemütlich.“

„Besinnliche Worte zum Fest“, sagt die Frau und lächelt erneut.

„Warten Sie“, sagt Herr Kah, greift in die KaDeWe-Tüte, zieht brasilianische Edelpralinen hervor und reicht sie der Frau. „Ich kann die gar nicht alle essen. – Frohe Weihnachten!“

„Nun habe ich leider kein Geschenk für Sie“, sagt die Frau traurig und erfreut zugleich.

„Es ist das Wesen des Geschenks, dass man keines zurückbekommt“, sagt Herr Kah, lüftet freundlich seinen Hut und geht frohgemut zum U-Bahnhof Eberswalder Straße.

(Berlin, 6. Dezember 2011)

Herr Kah spazierte auf kalten Füßen durch den Berliner Vorwinter und betrachtete die leuchtende Kuppel des Reichstags. Plötzlich schritt eine seiner lästigen Verehrerinnen, eine SPD-Abgeordnete, energisch auf ihn zu. Sie sah zwar passabel aus, war jedoch schrecklich aufgekratzt und ohne jedes Geheimnis. Herrn Kah aber genügte bereits die Geheimnislosigkeit des Berliner Politikbetriebs.

„Könnten Sie mir erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“, fragte die SPD-Abgeordnete Herrn Kah.

Herr Kah war erleichtert. „Das kann ich gerne tun“, sagte er. „Aber lassen Sie mich Sie dazu heute Abend ins Restaurant einladen. Die Thematik ist komplex.“

„Wollen Sie mich wirklich ins Restaurant einladen?“, sagte die Abgeordnete, außer sich vor Freude.

„Davon bin ich zutiefst überzeugt“, sagte Herr Kah. „Treffen wir uns doch gegen 20 Uhr im Restaurant ‚Zur blühenden Landschaft’.“

Als es 20 Uhr war, saß Herr Kah in seinem Lesesessel und frustrierte sich mit der Tageszeitung.

Um 22 Uhr klingelte es an seiner Haustür. „Warum sind Sie nicht gekommen?“, fragte die lästige Verehrerin, und ihre Augen funkelten schröderianisch.

„Das tut mir leid“, sagte Herr Kah, „aber die Realitäten haben sich inzwischen geändert und mir ein Kommen unmöglich gemacht.“

Die SPD-Abgeordnete nickte enttäuscht. „Könnten Sie mir trotzdem noch schnell erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“

„Aber das habe ich doch getan“, sagte Herr Kah.

(Berlin, 29.11.2011)

Ein Mann, der gerade viel über den Menschen gelernt hatte und darüber sehr erschüttert war, kam zu Herrn Kah und sagte: „Wenn das der Mensch ist, wie kann man dann noch vertrauen?“

„Sind Sie religiös?“, fragte Herr Kah.

„Nein“, sagte der Mann.

„Sonst hätte ich Ihnen geantwortet: von Gott her“, sagte Herr Kah. „Sind Sie vielleicht Atheist?“

„Nein“, sagte der Mann.

„Sonst hätte ich Ihnen geantwortet: vom Absurden her“, sagte Herr Kah.

„Um ehrlich zu sein“, sagte der Mann, „ich halte es eher mit der menschlichen Perspektive.“

Herr Kah sagte: „Dann müssen Sie in bewusster Entscheidung wider Ihren Verstand vertrauen. Aber achten Sie darauf, dass man Sie nicht über den Tisch zieht.“

„Gegen meinen Verstand?“, sagte der Mann traurig.

Herr Kah sagte: „Das gute Leben lobt und ehrt und folgt dem Verstand, doch sein Dreh- und Angelpunkt ist immer wider den Verstand.“

Und da Herr Kah noch Lust hatte, etwas zu plaudern, fuhr er fort: „Aber achten Sie darauf, dass man Sie nicht über den Tisch zieht. Wenn ein Religiöser über den Tisch gezogen wird, denkt er, Gott rechne es ihm fürs Paradies an. Wenn ein Absurdist über den Tisch gezogen wird, spürt er vielleicht heimliche Genugtuung. Wenn aber ein aus menschlicher Perspektive Lebender über den Tisch gezogen wird, dann fühlt er sich über den Tisch gezogen.“

Der Mann nickte, und Herr Kah fragte sich, ob der FC Bayern noch die Tabellenführung innehabe.

(Berlin, 9. November 2011)

Herr Kah war der Meinung, dass der Mensch eine Meinung haben solle. Er verwahrte sich allerdings gegen die Verwechslung von Meinung und Standpunkt. Standpunkte könne man vertreten, ruhig auch 50 oder 1000, ruhig auch, sei es noch so lästig für die Mitwelt, in Dingen, in denen man keinen Schimmer habe. Meinungen aber müsse man sein. Herr Kah war der Meinung, dass jeder Mensch vielleicht ein oder zwei oder ganz selten auch drei Meinungen haben könne. Nach diesen Meinungen müsse der Mensch suchen – ohne vorgefasste Meinung. Habe er sie aber gefunden, müsse er sie nicht mehr vertreten, da er sie ja sei. Und das Sein strahle wärmer als die Worte und wirke wirkungsvoll ohne Wirken. „Oder“, sagte Herr Kah einem Zweifelnden, „gibt die Sonne eine Pressekonferenz, um ihre Meinung darzulegen?“

(Berlin, 9. November 2011)

Herr Kah stellte sich mitten auf den Alexanderplatz und fragte die Passanten, was sie in der Krise mit ihrem Geld machten.

„Ich lasse es auf dem Tagesgeldkonto“, sagte einer.

„So ein Quatsch“, sagte ein anderer, „man muss Aktien kaufen.“

„Solide Unternehmensanleihen sind ein gutes Investment“, meinte eine Frau.

„Ich habe gar kein Geld“, sagte eine andere.

„Immobilien sind das Gebot der Stunde“, sagte ein Mann, der einen Mantel trug, obwohl es in Berlin noch sehr mild war.

Ein anderer lachte verächtlich und sagte: „Ihr könnt euer Geld nicht retten. Es bleibt nur der Konsum. Ich hau mein Geld auf den Kopf, solang ich noch was dafür kriege.“

„Und Sie?“, wurde Herr Kah gefragt. „Was machen Sie in der Krise mit Ihrem Geld?“

„Oh“, sagte Herr Kah, „ich verschenke es.“

Die Blicke der Umstehenden glühten gierig auf und schienen zugleich sagen zu wollen, dass Herr Kah dringend einen Psychotherapeuten aufsuchen sollte.

Herr Kah sagte: „Wenn jeder nur das Geld behielte, das er wirklich benötigt, den Rest aber denen schenkte, die nicht genug Geld haben, und wenn jeder sich außerdem darauf verlassen könnte, dass ihm ebenso getan würde, dann wäre für alle gesorgt.“

„Wenn das Wörtchen ‚wenn’ nicht wäre“, sagte der Mann, der einen Mantel trug.

„Im Grunde scheitert der schenkende Umgang mit Geld nur an der Angst, der Idiot zu sein, der übervorteilt wird“, sagte Herr Kah.

„Einer berechtigten Angst“, sagte der Mann im Mantel.

„Einer realen Angst“, sagte Herr Kah, „keiner berechtigten.“

Während sich die Zuhörer zerstreuten, kam ein Bettler zu Herrn Kah und gab ihm zu verstehen, dass er 50 Euro gut gebrauchen könnte.

„Wenden Sie sich an den Finanzminister“, sagte Herr Kah, ging in eine Bäckerei und kaufte sich ein Stück Erdbeerkuchen mit Sahne.

(Berlin, 2. November 2011)

Der Bundesverband zockender Großbanken hatte Herrn Kah zu einem Krisengipfel eingeladen.

„Herr Kah“, sagte der Verbandpräsident, „haben Sie eine Ahnung, wie Banken und Staaten aus dem Schuldensumpf je wieder herauskommen können?“

„Oh, das ist ganz einfach“, sagte Herr Kah. „Könnten Sie mir bitte einen Laptop bringen?“

Herr Kah bekam einen Laptop, und eine Traube ebenso verwunderter wie hoffnungsvoller Banker bildete sich um ihn herum.

In Windeseile programmierte Herr Kah einen Virus und schickte ihn auf die Reise. „So“, sagte Herr Kah, „mein bescheidenes Geschöpf wird die Schuldenstände in sämtlichen Computern der Welt auf Null stellen. Banken, Staaten, aber auch Unternehmen und Privatpersonen sind in einer Minute entschuldet.“

„Aber das geht doch nicht“, sagte der Verbandspräsident. „Sie belohnen die Schuldenmacher und klauen allen Gläubigern ihr Geld.“

„Einen Moment“, sagte Herr Kah, programmierte einen zweiten Virus und sandte auch ihn ab.

„Was haben Sie getan?“, fragte der Verbandspräsident.

„Nun, mein zweites bescheidenes Geschöpf sorgt dafür, dass allen Gläubigern der Welt alle Kredite inklusive entgangener Zinsen zurückgebucht werden“, sagte Herr Kah.

„Sie sind ein Genie“, rief der Verbandspräsident, ließ Champagner, Koks und Huren kommen, und alle Banker feierten, dass man wieder von Null loszocken könne.

„Wie die kleinen Kinder vorm Computer“, dachte Herr Kah. „Nur, dass sie nicht einmal wissen, dass sie bloß vorm Computer sitzen.“

Und Herr Kah nahm sich vor, noch am selben Abend einen dritten Virus zu programmieren, der dafür sorgen sollte, dass jeder Erdenbürger am Monatsersten auf seinem Konto ein großzügiges bedingungsloses Grundeinkommen vorfinden würde.

(Berlin, 26. Oktober 2011)

Ein junger Mann hatte Schwierigkeiten, Herrn Kahs Philosophie zu verstehen, was nicht weiter verwunderlich war, denn Herr Kah hatte ja überhaupt keine Philosophie.

„Sie wollen gar nicht gewinnen, oder?“, fragte der junge Mann.

„Nein“, sagte Herr Kah.

„Sie wollen verlieren?“

„Nein“, sagte Herr Kah. „Gewinnen ist viel zu anstrengend. Wenn man verliert, quält man sich aber auch nur. Gewinnen und Verlieren sind Energieverschwendung. Wenn Sie trotzdem unbedingt gewinnen wollen, sagen Sie sich doch, dass der Verzicht auf Sieg und Niederlage der eigentliche Sieg sei.“

„Einen Pokal gewinnt man damit nicht“, sagte der junge Mann.

„Ich rede auch nicht über Fußball“, sagte Herr Kah und legte sich zurück in die Hängematte.

(Berlin, 24. Juli 2011)