24. Dezember, Nachmittag. Kontinentale Kälte lagert über Prenzlauer Berg. Herr Kah schlendert durch die grauweißen Straßen. Eine Tüte mit KaDeWe-Delikatessen für den Abend baumelt an seinem Handgelenk. Am Wittenbergplatz hatte Herr Kah spontan entschieden, mit der U-Bahn in den trendigen Ortsteil zu fahren.
Aber Prenzlauer Berg ist entvölkert. Die Kulturbrauerei gleicht einer sibirischen Industrieruine. Nur in der Kastanienallee fegt noch eine Frau den Neuschnee vom Dach ihres Wagens und kratzt die Scheiben frei.
„Auch auf dem Sprung?“
„Herr Kah! Das nenne ich eine Weihnachtsüberraschung. – Ja, ich fahre zu meinen Eltern in den Westen“, sagt die Frau.
„Zu Weihnachten verlassen die Menschen ihr Zuhause für ihr wahres Zuhause“, sagt Herr Kah.
Die Frau lächelt und fragt: „Wo werden denn Sie Weihnachten verbringen?“
„Ich habe kein wahres Zuhause. Mein wahres Zuhause ist überall. Mein wahres Zuhause ist also in mir selbst. Es ist klein, aber weit, im Ganzen gemütlich.“
„Besinnliche Worte zum Fest“, sagt die Frau und lächelt erneut.
„Warten Sie“, sagt Herr Kah, greift in die KaDeWe-Tüte, zieht brasilianische Edelpralinen hervor und reicht sie der Frau. „Ich kann die gar nicht alle essen. – Frohe Weihnachten!“
„Nun habe ich leider kein Geschenk für Sie“, sagt die Frau traurig und erfreut zugleich.
„Es ist das Wesen des Geschenks, dass man keines zurückbekommt“, sagt Herr Kah, lüftet freundlich seinen Hut und geht frohgemut zum U-Bahnhof Eberswalder Straße.
(Berlin, 6. Dezember 2011)